Leid und Glück verwandeln

Geistestraining (Lojong) | Tibetische MeisterDodrupchen Jigme Tenpe Nyima

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Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima

The Third Dodrupchen

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Leid und Glück verwandeln

von Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima

Ehrerbietung

Verehrung dem edlen Avalokiteshvara und seinen Qualitäten:
„Stets voller Freude angesichts des Glücks der anderen
und zutiefst betrübt, wenn sie leiden,
hast du das „große Mitgefühl“ mit all seinen Qualitäten vollständig verwirklicht
und verweilst, ohne dich um dein eigenes Glück oder Leid zu sorgen!“[1]

Darlegung der Absicht

Ich werde hiermit eine partielle Anweisung geben, wie man sowohl Glück als auch Leid als Pfad zur Erleuchtung verwenden kann. Dies ist für ein spirituelles Leben unabdingbar, ein Werkzeug der Edlen, das wir dringend benötigen, und die wohl wertvollste Belehrung der Welt.

Sie besteht aus zwei Teilen:

I. wie man Leid als Pfad benutzt und II. wie man Glück als Pfad benutzt.

Beides wird zuerst unter dem Blickwinkel der relativen Wahrheit und dann unter dem Blickwinkel der absoluten Wahrheit betrachtet.

I. Wie man Leid als Pfad zur Erleuchtung benutzt

1. Auf der Ebene der relativen Wahrheit

Machen wir es uns zur Gewohnheit, jedes Mal, wenn wir durch fühlende Wesen oder andere Umstände verletzt werden, ausschließlich das Leid wahrzunehmen, wird unser Geist schon beim geringsten Problem von enormen Qualen erfüllt sein.

Das liegt daran, dass es das Wesen jeder Wahrnehmung oder Vorstellung ist – egal ob Glück oder Leid – sich immer weiter zu verstärken, je mehr wir uns daran gewöhnen. Wenn die Kraft dieses Musters allmählich anwächst, werden wir daher bald feststellen, dass so ziemlich alles, was wir wahrnehmen, dazu führt, dass wir Unglück tatsächlich auf uns ziehen, und Glück wird keinerlei Chance haben.

Wenn wir nicht erkennen, dass all dies von der Art und Weise abhängt, in der unser Geist diese Gewohnheit entwickelt, und wir stattdessen allein äußeren Objekten und Situationen die Schuld geben, werden sich die Flammen des Leids, des negativen Karma, der Aggression und so weiter wie ein Lauffeuer verbreiten und kein Ende nehmen. Dies nennt man: „Alle Erscheinungen erheben sich als Feinde.“

Wir sollten zu einem sehr klaren Verständnis gelangen, dass der Grund, warum fühlende Wesen in diesem degenerierten Zeitalter von solch großem Leid geplagt werden, allein die Schwäche ihres Unterscheidungsvermögens ist.

Sich von den Hindernissen, die von Feinden, Krankheit oder schädlichen Einflüssen ausgehen, nicht verletzen zu lassen, will nicht heißen, dass Dinge wie z.B. Krankheit gänzlich beseitigt werden könnten und nie wieder auftreten würden. Es bedeutet schlicht und einfach, dass sie uns nicht daran hindern können, auf dem Pfad zu praktizieren.

Damit das geschehen kann, müssen wir: erstens die Haltung aufgeben, auf keinen Fall Leid erleben zu wollen, und zweitens die Haltung entwickeln, uns sogar zu freuen, wenn uns Leid befällt.

Die Haltung aufgeben, auf keinen Fall leiden zu wollen

Denke an all die Niedergeschlagenheit, Sorge und Verärgerung, denen wir uns aussetzen, wenn wir Leid immer nur als nachteilig betrachten, als etwas, das um jeden Preis vermieden werden muss. Denke nun über zwei Dinge nach: wie nutzlos dies ist und wie viele Probleme es verursacht. Reflektiere immer wieder darüber, bis du völlig davon überzeugt bist.

Dann sage dir: „Von jetzt an werde ich nie wieder ängstlich oder ärgerlich werden, welches Leid ich auch ertragen muss.“ Lass dir das immer wieder durch den Kopf gehen und nimm all deinen Mut und deine Entschlossenheit zusammen.

Schauen wir uns zuerst an, wie nutzlos es ist. Wenn wir etwas tun können, um ein Problem zu lösen, gibt es keinen Grund, uns darüber zu sorgen oder unglücklich zu sein; können wir nichts tun, hilft es auch nichts, sich zu sorgen oder unglücklich zu sein.

Dann die immensen Schwierigkeiten, die damit einhergehen: Solange wir nicht ängstlich oder ärgerlich werden, wird uns die Stärke unseres Geistes befähigen, selbst das schwerste Leid mühelos zu ertragen, und es wird sich so nichtig und substanzlos anfühlen wie Watte. Sind wir jedoch von Angst und Sorge beherrscht, wird uns selbst das kleinste Problem sehr schwer zu schaffen machen, weil wir zusätzlich mit geistigem Unbehagen und Unglücklichsein belastet sind.

Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir würden versuchen, uns des Verlangens nach und der Anhaftung an jemanden zu entledigen, den wir anziehend finden, während wir gleichzeitig weiterhin über dessen attraktive Eigenschaften nachdenken. Es wäre vollkommen vergeblich. Genauso werden wir, wenn wir uns ausschließlich auf den mit dem Leid verbundenen Schmerz konzentrieren, niemals Geduld entwickeln können oder die Fähigkeit, es zu ertragen.[2] Daher, wie es in den Anweisungen mit dem Titel „Das Versiegeln der Sinnespforten“ heißt, klammere dich nicht an alle möglichen vom Geist geschaffenen Konzepte über dein Leid. Lerne stattdessen, den Geist ungestört in seinem eigenen natürlichen Zustand zu lassen, bringe den Geist heim, ruhe dort und lass ihn seinen eigenen Grund finden.

Die Haltung entwickeln, sich zu freuen, wenn Leid auftritt

Wenn wir Leid als Verbündeten betrachten, der uns auf dem Pfad hilft, sollten wir lernen, ein Gefühl der Freude zu empfinden, wenn es auftritt. Doch wann immer uns Leid befällt, solange wir keine spirituelle Praxis haben, die wir darauf anwenden können und die unseren geistigen Fähigkeiten entspricht, können wir uns noch so oft sagen: „Nun, solange ich so ungefähr die richtige Methode habe, werde ich in der Lage sein, Leid zu verwenden und diesen oder jenen Nutzen daraus zu ziehen,“ aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass uns dies gelingen wird. Wir werden unserem Ziel, wie das Sprichwort sagt, so fern sein „wie die Erde dem Himmel“.

Nutze Leid daher als Grundlage für die folgenden Übungen:

a) Leid nutzen, um sich in Entsagung zu üben

Nutze dein Leid also zuweilen, um deinen Geist in Entsagung zu üben.

Sage dir: „Solange ich machtlos und ohne jede Freiheit in Samsara kreise, ist solches Leid weder unfair noch unberechtigt. Es ist ganz einfach die Natur von Samsara.“ Entwickle von Zeit zu Zeit ein tiefes Gefühl von Abscheu, indem du denkst: „Wenn es mir schon so schwer fällt, selbst das geringe Leid und den Schmerz der glücklichen Bereiche zu ertragen, wie wird es dann mit dem Leid der niederen Bereiche aussehen? Samsara ist in der Tat ein Ozean des Leidens, abgrundtief und endlos!“ Wende daraufhin deinen Geist der Befreiung und Erleuchtung zu.

b) Leid nutzen, um sich in der Zufluchtnahme zu üben

Sage dir: „In einem Leben nach dem anderen, wieder und wieder, werden wir ständig von derartigen Ängsten gequält, und der einzige Schutz, der uns nie im Stich lässt, sind der kostbare Anführer, der Buddha, der kostbare Pfad, das Dharma, und die kostbaren Gefährten auf dem Weg, die Sangha: die drei Juwelen. Daher muss ich mich auf sie verlassen, ganz und gar. Was auch geschieht, ich werde sie niemals aufgeben.“ Lass dies zu einer festen Überzeugung werden und übe dich in der Praxis der Zufluchtnahme.

c) Leid nutzen, um Hochmut zu überwinden

Wie ich bereits erklärt habe, sind wir [solange wir uns in Samsara befinden] niemals unabhängig oder wahrhaft frei, noch haben wir die Kontrolle über unser Leben. Im Gegenteil, wir sind stets dem Leid unterworfen und ausgeliefert. Also müssen wir „den Feind, der alles zerstört, was heilsam und gut ist“ beseitigen, nämlich Hochmut und Stolz, und wir müssen die bösartige Einstellung ablegen, andere herabzusetzen und sie als unterlegen zu betrachten.

d) Leid nutzen, um schädliche Handlungen zu reinigen

Erinnere dich und erkenne: „All dieses Leid, das ich erlebe, sowie Leid, das sogar noch größer ist – all das grenzenlose Leid, das besteht –, rührt einzig von schädlichen, negativen Handlungen her.“

Denke sorgfältig und gründlich über Folgendes nach:

  1. Karma ist gewiss – Ursache und Wirkung sind unfehlbar;
  2. Karma vervielfacht sich immens;[3]
  3. du wirst nie mit den Ergebnissen von etwas konfrontiert werden, das du nicht getan hättest;
  4. was immer du getan hast, wird niemals verloren gehen.

Dann sage dir: „Wenn ich also wirklich nicht mehr leiden möchte, muss ich die Ursache des Leidens aufgeben, das heißt Negativität.“[4] Bemühe dich, mit Hilfe der „vier Kräfte“ alle negativen Handlungen, die du in der Vergangenheit angehäuft hast, einzugestehen und sie zu reinigen, und fasse dann den festen Entschluss, sie in Zukunft nicht wieder zu begehen.

e) Leid nutzen, um Freude an positiven Handlungen zu finden

Sage dir: „Wenn ich wirklich Glück finden möchte, also das Gegenteil von Leid, muss ich mich bemühen, seine Ursache zu schaffen, das heißt, ich muss positive Handlungen ausüben.“ Denke eingehend darüber nach, aus allen Blickwinkeln, und führe dir vor Augen, was es bedeutet. Dann tu, was immer du kannst, um deine positiven, nützlichen Handlungen auf jede erdenkliche Weise zu vermehren.

f) Leid nutzen, um sich in Mitgefühl zu üben

Sage dir: „Andere werden, genau wie ich, von ähnlichem oder sogar viel schlimmerem Leid gequält...“. Übe dich in dem Gedanken: „Wenn sie doch nur von all diesem Leid frei sein könnten! Wie wunderbar wäre das doch!“ Dies wird dir auch helfen zu verstehen, wie man liebende Güte praktiziert, eine Praxis, in der man sich auf jene ausrichtet, die nicht glücklich sind.

g) Leid nutzen, um andere wichtiger zu nehmen als sich selbst

Übe dich in folgendem Gedanken: „Der eigentliche Grund, warum ich nicht frei von derartigem Leid bin, liegt darin, dass ich seit undenklichen Zeiten ausschließlich an mich selbst gedacht habe. Von diesem Moment an werde ich mich nur noch um andere kümmern, da dies die Quelle allen Glücks und alles Guten ist.“

Es ist außerordentlich schwierig, Leid als Pfad zu benutzen, wenn es uns bereits getroffen hat und uns direkt ins Gesicht starrt. Darum ist es entscheidend, dass wir uns vorab mit den spezifischen Praktiken vertraut machen, um sie im Falle von Missgeschick und Schwierigkeiten anwenden zu können. Es ist zudem besonders hilfreich und von großem Wert, wenn wir die Praxis anwenden, die wir am besten kennen und mit der wir bereits eine eindeutige, persönliche Erfahrung gemacht haben.

So können Leid und Schwierigkeiten eine Unterstützung für unsere spirituelle Praxis werden – das allein genügt jedoch nicht. Wir müssen echte Freude und Begeisterung empfinden, inspiriert durch eine tiefe Wertschätzung für das, was wir erreicht haben, und dies in der Folge verstärken und es stabil und dauerhaft machen.

Wann immer du eine der oben genannten Praktiken ausführst, sage dir: „Dieses Leid ist eine enorme Unterstützung; es wird mir helfen, die vielerlei wunderbaren Arten des Glücks und der Glückseligkeit zu finden, die man in den höheren Bereichen und in der Befreiung von Samsara erfährt und die so überaus schwer zu erreichen sind. Ich weiß, dass von jetzt an alles Leid, das mich in Zukunft erwartet, die gleiche Wirkung haben wird. Daher wird mir das Leid, wie hart und schwer es auch sein mag, stets größte Freude und Glück bringen, bitter und süß zugleich, wie jene indischen Kuchen aus Zucker, gemischt mit Kardamom und Pfeffer.“ Folge diesem Gedankengang wieder und wieder aufs Gründlichste und gewöhne dich an den glücklichen Geisteszustand, der damit einhergeht. Wenn wir auf diese Weise reflektieren, wird unser Geist so von Glück durchströmt sein, dass das Leid, das wir über die Sinne erfahren, kaum noch wahrnehmbar sein wird und unseren Geist nicht aus der Ruhe bringen kann. Damit ist der Punkt erreicht, an dem Krankheit durch Geduld überwunden werden kann. Es ist erwähnenswert, dass dies auch ein Hinweis darauf ist, ob Schwierigkeiten, die von Feinden, schädlichen Geistern und so weiter verursacht werden, überwunden werden können.

Wie wir bereits gesehen haben, ist die Umkehrung der Haltung, auf keinen Fall leiden zu wollen, die ganze Basis dafür, Leid in unseren spirituellen Pfad umzuwandeln. Das liegt daran, dass wir Leid einfach nicht in den Pfad verwandeln können, solange Angst und Ärger weiterhin unser Selbstvertrauen beeinträchtigen und unseren Geist verwirren.

Je mehr es uns gelingt, Leid tatsächlich in den Pfad zu transformieren, desto mehr werden wir all unsere bisherige Praxis steigern und stärken. Das kommt daher, dass unser Mut und unsere gute Laune immer weiter anwachsen werden, wenn wir erst einmal aus eigener Erfahrung sehen können, wie Leid unsere spirituelle Praxis und unsere Qualitäten aufblühen lässt.

Es heißt, indem wir graduell mit kleineren Leiden üben, „Schritt für Schritt in leicht zu nehmenden Stufen“, werden wir am Ende in der Lage sein, auch mit großem Leid und großen Schwierigkeiten umzugehen. So müssen wir vorgehen, denn es ist äußerst schwierig, eine Erfahrung von etwas zu haben, das unsere Fähigkeit oder Kapazität übersteigt.

In den Pausen zwischen den Sitzungen bete zum Lama und den drei Juwelen, dass du in der Lage sein mögest, Leid auf deinen Pfad zu nehmen. Wenn dein Geist dann ein wenig stärker geworden ist, bringe den drei Juwelen und den negativen Kräften Opfergaben dar und bitte sie beharrlich: „Bitte schickt mir schwierige Situationen und Hindernisse, damit ich meine Praxis stärken und weiterentwickeln kann.“ Bleibe gleichzeitig immer, immer zuversichtlich, fröhlich und glücklich.

Zu Beginn dieses Trainings ist es wesentlich, dich von gewöhnlichen gesellschaftlichen Aktivitäten fernzuhalten. Sonst wirst du von alltäglichen Sorgen und Geschäftigkeit vereinnahmt sein und dich von all deinen unwissenden Freunden beeinflussen lassen, wenn sie dich z.B. fragen: „Wie kannst du es nur ertragen, solches Leid auf dich zu nehmen, ... soviel Demütigung ...?“

Im Übrigen werden die endlosen Sorgen über Feinde, Verwandte und Besitztümer unser Gewahrsein vernebeln und unseren Geist durcheinander bringen, so dass er völlig außer Kontrolle gerät und wir unweigerlich in die Irre gehen und in schlechte Gewohnheiten verfallen. Darüber hinaus werden wir uns dann von allen möglichen ablenkenden Objekten und Situationen mitreißen lassen.

In der Einsamkeit einer Retreat-Umgebung, in der es all dies nicht gibt, ist dein Gewahrsein hingegen sehr lichtvoll und klar und daher wirst du den Geist mit Leichtigkeit dazu bringen, all das zu tun, was du willst.

Aus eben diesem Grund konzentrieren sich Chöd-Praktizierende, wenn sie sich darin üben, „das Leid niederzutrampeln“, zu Beginn ihrer Praxis nicht auf das Leid, das von Menschen verursacht wird, und üben sich nicht inmitten von Ablenkungen, sondern arbeiten stattdessen bewusst mit den Erscheinungen von Göttern und Dämonen auf Friedhöfen und anderen verlassenen und kraftvollen Plätzen.[5]

Kurz gesagt: Damit unser Geist durch Unglück oder Leid nicht nur unbeeinträchtigt bleibt, sondern sogar Glück und Geistesfrieden aus genau diesen Situationen gewinnt, müssen wir Folgendes tun: Betrachte innere Probleme wie Krankheiten oder äußere Schwierigkeiten wie Rivalen, Geister oder böswilliges Gerede nicht als unerwünscht und unangenehm, sondern gewöhne dich stattdessen einfach daran, sie als etwas Angenehmes und Erfreuliches zu sehen.

Um dies zu erreichen, müssen wir aufhören, widrige Umstände als Probleme anzusehen, und uns alle Mühe geben, sie als nützlich zu betrachten. Denn ob etwas angenehm oder unangenehm ist, hängt letztendlich davon ab, wie der Geist es wahrnimmt.

Dazu ein Beispiel: Jemand, der sich ständig der Vergeblichkeit gewöhnlicher weltlicher Beschäftigungen bewusst bleibt, wird, je mehr sein Reichtum oder der Kreis der Menschen um ihn herum anwachsen, ihrer nur umso überdrüssiger werden. Auf der anderen Seite wird jemand, der all diese weltlichen Angelegenheiten für bedeutungsvoll und nützlich hält, danach trachten und sogar dafür beten, dass seine Macht und sein Einfluss größer werden.

Solch ein Training hat zur Folge:

  • dass unser Geist und unser Charakter friedlicher und sanfter werden;
  • dass wir offener (und flexibler) werden;
  • dass wir umgänglicher werden;
  • dass wir mutig und zuversichtlich werden;
  • dass wir von Hindernissen befreit werden, die unserer Dharma-Praxis entgegenstehen,
  • dass wir alle negativen Umstände zu unserem Vorteil verwandeln können, erfolgreich sein und Ruhm und günstige Bedingungen ernten werden,
  • und dass unser Geist stets zufrieden sein wird, im Glück, das aus innerem Frieden erwächst.

Um in diesem degenerierten Zeitalter einem spirituellen Pfad zu folgen, muss man auf solche Weise gewappnet sein. Denn wenn wir nicht länger vom Leid der Angst und des Ärgers geplagt werden, werden sich nicht nur andere Leiden verflüchtigen, wie Soldaten, die ihre Waffen verloren haben, sondern sogar Unglück wie etwa Krankheit verschwindet dann in der Regel ganz von selbst.

Die Heiligen der Vergangenheit pflegten zu sagen:

„Wenn dich nichts unglücklich oder unzufrieden macht, gerät dein Geist nicht aus der Ruhe. Da der Geist ausgeglichen ist, wird die subtile Windenergie (tib. lung) ausgeglichen sein. Das bedeutet, dass die anderen Elemente des Körpers ebenfalls ausgeglichen sein werden. Als Ergebnis bleibt dein Geist ausgeglichen und so geht es immer weiter, während das Rad ständigen Glücks sich dreht.“

Ein anderes Sprichwort lautet:

„Auf Pferden und Eseln mit Wunden auf dem Rücken hacken Vögel gern herum. Menschen, die ständig zu Angst neigen, fallen negativen Geistern leicht zum Opfer. Doch nicht jene, deren Charakter stabil und stark ist.“

So kommt es, dass die Weisen, die erkennen, dass jegliches Glück und jegliches Leid vollkommen vom Geist abhängen, ihr Glück und Wohlbefinden im eigenen Geist suchen. Da alle Ursachen für Glück bereits vollständig in ihnen vorhanden sind, werden sie nicht von äußeren Dingen abhängig sein, und so kann absolut nichts, weder fühlende Wesen noch irgendetwas anderes, ihnen Leid zufügen. Und selbst wenn sie sterben, wird diese Haltung sie weiterhin begleiten, so dass sie immer, immer frei und Herr der Lage sein werden.

Auf eben diese Weise erlangen die Bodhisattvas ihre meditative Stabilität (samadhi), die „alle Phänomene mit Glückseligkeit überwältigen“ genannt wird.

Narren jedoch jagen äußeren Objekten und Umständen hinterher, in der Hoffnung, Glück zu finden. Aber welches Glück sie auch finden mögen, sei es groß oder klein, letztlich stellt sich – wie im folgenden Sprichwort ausgedrückt – immer heraus:

„Du hältst das Heft nicht in der Hand, es liegt in Händen anderer, als hätte sich dein Haar in einem Baum verfangen.“

Was du erhofft hast, tritt niemals ein; die Dinge regeln sich nie, oder du verschätzt dich und ein Misserfolg jagt den anderen. Feinde und Diebe haben leichtes Spiel, dir Schaden zuzufügen, und schon die geringste falsche Anschuldigung wird deinem Glück ein jähes Ende setzen. Wie sehr eine Krähe sich auch um ein Kuckucksjunges kümmert, sie wird es nie in ein Krähenküken verwandeln können. Genauso werden all deine Bemühungen, wenn sie fehlgeleitet sind und sich auf etwas stützen, das unzuverlässig ist, den Göttern ausschließlich Erschöpfung bringen, den Geistern negative Emotionen und dir selbst nur Leid.

Dieser „Herzensrat“ bringt einhundert verschiedene essentielle Anweisungen in einem entscheidenden Punkt zusammen. Es gibt viele andere Kernanweisungen darüber, wie man Leid und Ungemach akzeptiert, um den Pfad zu praktizieren, und darüber, wie man Krankheit und destruktive Kräfte in den Pfad verwandelt, wie es zum Beispiel in der Tradition des „Befriedens“ gelehrt wird. Hier habe ich jedoch einen leicht verständlichen, allgemeinen Überblick gegeben, wie man Leid annehmen kann, basierend auf den Schriften des edlen Shantideva und seiner weisen und gelehrten Anhänger.

2. Auf der Ebene der absoluten Wahrheit

Durch logische Beweisführung, wie zum Beispiel „die Widerlegung der Erzeugung aus den vier Extremen“,[6] wird der Geist zur Leerheit hingeführt, der natürlichen Bedingtheit der Dinge, einem erhabenen Zustand des Friedens, und dort verweilt er. In diesem Zustand sind schädigende Umstände oder Leid nicht vorhanden und nicht einmal ihre Namen sind zu finden.

Selbst wenn du diesen Zustand wieder verlässt, ist es nicht mehr wie zuvor, als du auf Leid in deinem Geist mit Furcht und mangelnder Zuversicht reagiert hättest. Nun kannst du es überwinden, indem du es als unwirklich betrachtest, als bloße Bezeichnung.

Ich bin hier nicht auf Einzelheiten eingegangen.

II. Wie man Glück als Pfad zur Erleuchtung benutzt

1. Auf der Ebene der relativen Wahrheit

Wann immer uns Glück und die verschiedenen Umstände, die zu Glück führen, begegnen, werden wir, sobald wir unter ihre Kontrolle geraten, immer eingebildeter, selbstgefälliger und fauler werden, was unseren spirituellen Pfad und unsere Weiterentwicklung behindern wird.

Es ist in der Tat schwierig, sich nicht vom Glück davontragen zu lassen. Wie Padampa Sangye sagte:

Wir Menschen können eine Menge Leid aber nur sehr wenig Glück ertragen.

Aus diesem Grund müssen wir uns auf jede erdenkliche Weise die Tatsache vor Augen halten, dass Glück und die Dinge, die zu Glück führen, tatsächlich alle vergänglich und von Natur aus leidvoll sind.[7]

Versuche daher, so gut du kannst, ein tiefes Gefühl der Desillusionierung zu entwickeln und deinen Geist davon abzuhalten, seiner gewohnten Apathie und Unachtsamkeit nachzugeben. Sage dir:

„Schau, alles Glück und aller materieller Reichtum dieser Welt sind oberflächlich, unbedeutend und mit allen möglichen Problemen und Schwierigkeiten verknüpft. Dennoch haben sie in gewissem Sinn auch ihre guten Seiten. Der Buddha sagte, dass jemand, dessen Freiheit durch Leid beeinträchtigt ist, große Schwierigkeiten haben wird, Erleuchtung zu erlangen, wohingegen jemand, der glücklich ist, sie leichter erlangen kann.

Wie begünstigt bin ich doch, das Dharma in solch einem Zustand des Glücks praktizieren zu können! Von jetzt an sollte ich dieses Glück in jeder nur erdenklichen Weise in Dharma umwandeln, dann werden aus dem Dharma wiederum beständig Glück und Wohlbefinden entstehen. So kann ich mich darin üben, Dharma und Glück sich gegenseitig unterstützen zu lassen. Sonst kommt nie etwas dabei heraus – als würde ich versuchen, Wasser in einem Holztopf zu kochen.“

Das Wichtigste, was es hier zu verstehen gilt, ist, dass wir alles Glück und alle Freude, die wir erleben, mit Dharma-Praxis vereinen müssen. Das ist die ganze Vision von Nagarjunas Juwelenkranz.[8]

Selbst wenn wir glücklich sind, es aber nicht erkennen, werden wir dieses Glück nie als Gelegenheit nutzen können, um das Dharma zu praktizieren. Stattdessen werden wir stets darauf hoffen, dass uns etwas Extra-Glück in den Schoß fallen wird, und wir werden unser Leben mit zahllosen Projekten und Aktivitäten verschwenden. Als Gegenmittel sollten wir, wann immer es angemessen ist, die Praxis anwenden, und vor allem den Nektar der Zufriedenheit genießen.

Es gibt andere Möglichkeiten, Glück in den Pfad zu verwandeln, besonders jene, in denen wir uns die Güte von Buddha, Dharma und Sangha vor Augen führen oder jene, die sich auf die Anweisungen zur Übung in Bodhichitta stützen, doch dies sollte fürs Erste genügen. Wie bei der Verwendung von Leid als Pfad solltest du auch bei der Verwendung von Glück die Einsamkeit einer Retreat-Umgebung aufsuchen und dies mit Praktiken der Reinigung sowie der Ansammlung von Verdienst und Weisheit verbinden.

2. Auf der Ebene der absoluten Wahrheit

Hier gilt dasselbe wie beim Verwandeln von Leid in den Pfad.

Was dieses Training bewirkt

Wenn wir weder praktizieren können, wenn wir leiden, aufgrund all der Sorgen, die wir uns machen, noch dann, wenn wir glücklich sind, aufgrund unserer Anhaftung an unser Glück, dann bleibt uns keinerlei Möglichkeit, das Dharma überhaupt zu praktizieren. Deshalb gibt es nichts Entscheidenderes für einen Praktizierenden als dieses Training, wie man Glück und Leid in den Pfad verwandelt.

Wo immer du auch leben magst, an einem abgelegenen Ort oder mitten in der Stadt, ob die Menschen um dich herum gut oder schlecht sind, ob du reich oder arm bist, glücklich oder betrübt, was immer du dir anhören musst, Lob oder Ächtung, gute oder böse Worte – wenn du dieses Training hast, wirst du niemals mehr die geringste Angst verspüren, dass es dich zu Fall bringen könnte. Kein Wunder daher, dass dieses Training das „löwengleiche Yoga“ genannt wird.

Was immer du tust, dein Geist wird glücklich, friedlich, weiträumig und entspannt sein. Deine ganze innere Haltung wird rein sein, und alles wird sich zum Besten wenden. Selbst wenn dein Körper in dieser unserer unreinen Welt lebt, wird dein Geist die Herrlichkeit unvorstellbarer Glückseligkeit erfahren, wie die Bodhisattvas in ihren reinen Bereichen.

Es wird so sein, wie die kostbaren Kadampa-Meister zu sagen pflegten:

Halte das Glück unter Kontrolle; setze dem Leiden ein Ende. Hast du das Glück unter Kontrolle und dem Leid ein Ende bereitet: Wenn du einsam bist, wird dieses Training dein wahrer Freund sein, und deine Pflegerin, wenn du erkrankst.

Goldschmiede beseitigen die Unreinheiten im Gold, indem sie es zuerst im Feuer schmelzen, und machen es dann geschmeidig, indem sie es wieder und wieder mit Wasser spülen. Genauso ist es mit dem Geist. Wenn du, indem du Glück als Pfad benutzt, des Glückes leid und überdrüssig wirst, und wenn du deinen Geist, indem du Leid als Pfad benutzt, klar und freudvoll machst, wirst du leicht den außergewöhnlichen Samadhi erlangen, der Körper und Geist befähigt, alles zu tun, was du möchtest.

Ich habe das Gefühl, dass diese Anweisung die tiefgründigste von allen ist, denn sie bringt die Disziplin, die Quelle von allem Positiven und Heilsamen, zur Vollendung. Das liegt daran, dass Nicht-Verhaftet-Sein am Glück den Grundstein für die außergewöhnliche Disziplin der Entsagung legt, und keine Angst vor Leid zu haben, dieser Disziplin völlige Reinheit verleiht.

Man sagt:

Großzügigkeit bildet die Grundlage für Disziplin; und Geduld reinigt sie.

Wenn du dich jetzt in dieser Praxis übst, wird, wenn du die höheren Stufen des Pfades erreichst, Folgendes geschehen:

Du wirst erkennen, dass alle Phänomene wie eine Illusion sind und wiedergeboren zu werden gerade so ist, als beträte man einen lieblichen Garten. Ob mit Wohlstand ausgestattet oder von Ruin betroffen du wirst keine Furcht vor negativen Emotionen oder Leid haben.“[9]

Hier einige Beispiele aus dem Leben des Buddha. Bevor er Erleuchtung erlangte, verzichtete er auf das Königreich eines „Weltenherrschers“, als wäre es völlig bedeutungslos, und lebte am Fluss Narainjana, unbeeindruckt von den Härten der Entsagungen, die er praktizierte. Damit zeigte er, dass wir, um unser eigenes letztendliches Wohl, den Nektar der Verwirklichung, zu erlangen, den „einen Geschmack“ von Glück und Leid gemeistert haben müssen.

Dann, nachdem er Erleuchtung erlangt hatte, erwiesen ihm die Anführer der Menschen und der Götter, bis hin zu den höchsten Bereichen, den größten Respekt; sie legten seinen Fuß auf den Scheitel ihres Hauptes und erboten sich, ihm zu dienen und ihn zu ehren, mit allem, was sein Herz begehrte. Ein Brahmane namens Bharadvaja jedoch beschimpfte und kritisierte ihn hundert Mal; er wurde des sexuellen Fehlverhaltens mit der schamlosen Tochter eines anderen Brahmanen bezichtigt; im Lande König Agnidattas lebte er drei Monate lang von verdorbenem Pferdefutter und so fort. Doch sein Geist schwankte nie auch nur im Geringsten, er war weder freudig erregt noch niedergeschlagen, gleich dem Berg Meru, unerschüttert vom Wind. Er zeigte, dass wir, um das Wohl der fühlenden Wesen bewirken zu können, ebenfalls diesen gleichen Geschmack von Glück und Leid erlangt haben müssen.

Nachwort

Diese Art von Lehren sollte eigentlich von den Kadampa-Meistern selbst gegeben werden, deren Leben die Umsetzung ihrer eigenen Redewendung war:

„Keine Klagen in Zeiten des Leids und große Entsagung in Zeiten des Glücks.“

Wenn dies jedoch von jemandem wie mir erläutert wird, bin ich mir sicher, dass selbst meine eigene Zunge mich satt bekommt und sich vor Verlegenheit krümmt. Dennoch, in der einzigen Absicht, mir selbst den einen Geschmack aller weltlichen Belange[10] zur zweiten Natur zu machen, habe ich, der alte Bettler Tenpe Nyima, dies niedergeschrieben, hier im Wald der vielen Vögel.

| Überarbeitete englische Version: Adam Pearcey für Lotsawa House 2006
| Erstübersetzung: Rigpa-Übersetzungen überarbeitet von Erika Bachhuber und Karin Behrendt (Rigpa-Übersetzungen), 2012


  1.  Von Chandragomin.  ↩

  2.   བཟོད་སྲན།, zö sen: die Fähigkeit, Leid zu ertragen – Duldsamkeit, Durchhaltevermögen, Geduld, Tapferkeit und Stabilität.  ↩

  3.  Alak Zenkar Rinpoche: Alak Zenkar Rinpoche: „Du könntest dich beklagen: ‚Ich habe in diesem Leben nichts Schlimmes getan, oder nur sehr wenig, warum muss ich trotzdem solches Leid ertragen?’ Karma kann sehr leicht anwachsen, so wie aus einem winzigen Samen in der Erde eine Menge Früchte wachsen können. Die Ergebnisse einer Handlung (Karma) können sich immens vervielfachen, da sie ihrerseits weitere Konsequenzen hervorbringen, einem Familienstammbaum vergleichbar”  ↩

  4.  Was ist der Unterschied zwischen schädlichen Handlungen (སྡིག་པ།, dikpa) und Negativität (མི་དགེ་བ།, migewa)? „Negativität“ ist ein allgemeiner Begriff, der das Untugendhafte und Unmoralische bezeichnet. „Schädliche Handlung“ ist intensiver; diese Handlungen sind nicht nur untugendhaft sondern sie sind zerstörerisch und richten Schaden an. Einen untugendhaften Gedanke hat man nur im Geist und er wird nicht unbedingt in die Tat umgesetzt. „Schädliche Handlung“ ist im Allgemeinen mit einer physischen Handlung verbunden.  ↩

  5.  གཉེན་ས།, _nyen sa_ sind die unheimlichen Orte in Tibet, an denen Menschen Angst haben, eine Störung zu verursachen – zum Beispiel auf der Spitze eines hohen Berges, wo man es nicht wagt, ein Geräusch zu machen, aus Angst, man könnte die Geister dieses Ortes erzürnen.  ↩

  6.  Dinge werden nicht aus sich selbst heraus erzeugt, nicht aus etwas anderem als sich selbst, nicht aus beidem und nicht ohne Ursachen. Siehe Mipham Rinpoche, Die vier großen logischen Argumente des mittleren Weges.(http://www.lotsawahouse.org/tibetan-masters/mipham/four-great-logical-arguments).  ↩

  7.  Dies ist ein Hinweis auf das „Leid der Veränderung“. Wenn sich eine angenehme Situation verändert, wird sie zu einer Quelle des Leidens. Denke zum Beispiel an den Kummer, den der Tod eines Kindes auslöst. Weil wir so glücklich waren, als das Kind am Leben war, bereitet uns sein oder ihr Tod solch große Schmerzen.  ↩

  8.  Nagarjuna verfasste die Juwelengirlande(Ratnāvalī) als Ratschlag für seinen Freund, einen König, der in großem Luxus lebte, und zeigte ihm darin, wie er diese Situation nutzen und in den Pfad des Dharma verwandeln konnte.  ↩

  9.  Maitreya, Ornament der Mahayana-Sutras (Mahāyānasūtrālaṅkāra). Die erste Zeile ist mit Weisheit verbunden, die zweite mit Mitgefühl.  ↩

  10.  Die „acht weltlichen Belange“: Glück und Leid, Lob und Tadel, Gewinn und Verlust, Ruhm und Bedeutungslosigkeit.  ↩

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