3. Das Erwecken von Bodhichitta

Ngöndro | Tibetische MeisterYukhok Chatralwa Chöying Rangdrol

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Das Erwecken von Bodhicitta

von Yukhok Chatralwa Chöying Rangdrol

Bodhicitta ist das Besondere am Pfad des Mahāyāna. Du solltest die Grundsätze und den Nutzen kennen, der daraus entsteht, und wissen, wie man das Gelübde ablegt und dergleichen; alles bis ins kleinste Detail.

Stell dir vor, dass du und alle Wesen sich vor dem Feld des Verdienstes befindet, das du genauso visualisierst wie während der Zufluchtnahme, und rezitiere mit dem festen Entschluss, das Bodhicitta-Gelübde abzulegen, die Worte des Textes:

Ho! Gebannt von der bloßen Vielfalt der Wahrnehmungen, die den trügerischen Spiegelungen des Mondes im Wasser gleichen,
irren die Wesen endlos umher im Teufelskreis von Saṃsāra.
Damit sie Geborgenheit und Gelöstheit in der Lichtheit und dem alles durchdringenden Raum der wahren Natur ihres Geistes finden,
erwecke ich unermessliche Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut des erwachten Geistes, das Herz von Bodhicitta.

Wiederhole diese Zeilen drei Mal bzw. so oft du kannst. Die Anfangssilbe „Ho“ ist ein Ausdruck von Erstaunen oder Verwunderung. Was ist so erstaunlich und verwunderlich? Bodhicitta aus einem Zustand heraus zu erwecken, in dem die vier Unermesslichen alle vollständig vorhanden sind, damit alle fühlenden Wesen Geborgenheit und Gelöstheit in der Lichtheit und dem alles durchdringenden Raum der wahren Natur ihres Geistes finden mögen – das ist erstaunlich. Andere sagen, dass dies ein Ausdruck des Mitgefühls ist. In dem Fall wären die Objekte unseres Mitgefühls alle leidenden Wesen. Dann gibt es auch noch jene, deren Meinung nach es ein Ausdruck von Traurigkeit ist.

Fühlende Wesen erleben alle möglichen Formen von Freude und Leid als Resultat der verschiedenen Taten, die sie in der Vergangenheit begangen haben. Diese falsch verstandenen Erfahrungen ihres eigenen Geistes gleichen den Spiegelungen des Mondes im Wasser: Sie erscheinen zwar, doch wenn man sie untersucht, existieren sie nicht wirklich. Zum Zeitpunkt des elementaren Grundes und auch zum Zeitpunkt des letztendlichen Resultates lassen sich weder Subjekt noch Objekt finden. Diese vorübergehenden, verblendeten Erscheinungen, die irrtümlich und täuschend sind, gleichen daher einer Vielzahl von Bildern, die (wir selbst durch) unsere unterschiedlichen Taten der Vergangenheit geschaffen haben. Und so heißt es: „Karma gleicht einem Künstler“. Selbst eine einzige Wassermenge wird von den Wesen der sechs Klassen aufgrund ihres jeweiligen Karma und ihrer gewohnheitsbedingten Tendenzen unterschiedlich wahrgenommen, und solange sie diesen dualistischen, verblendeten Geist besitzen, werden die Wesen fortwährend endlos in Saṃsāras Teufelskreis umherirren.

Nun praktizieren wir, damit sie von ihrer karmischen Wahrnehmung und gewohnheitsbedingten Mustern befreit werden und die Lichtheit und den alles durchdringenden Raum der wahren Natur ihres Geistes und somit den Zustand der Buddhaschaft erreichen mögen, wo sie Geborgenheit, Gelöstheit und Erleichterung von all ihren erschöpfenden Anstrengungen, verursacht durch ihre eigenen negativen Handlungen, finden werden. Zu diesem Zweck entwickeln wir unermessliches Mitgefühl – was dem Wunsch entspricht, dass sie vom Leiden und dessen Ursachen befreit werden mögen – sowie dessen Ursache, unermesslichen Gleichmut – was dem Wunsch entspricht, dass sie von der Anhaftung an enge Freunde und Angehörige sowie der Abneigung gegenüber Feinden frei werden mögen. Außerdem entwickeln wir unermessliche Liebe – was dem Wunsch entspricht, dass sie Glück und dessen Ursachen erleben mögen – und unermessliche Freude, was dem Wunsch entspricht, dass sie niemals vom Glück und dessen Ursachen getrennt sein mögen. Mit der Kraft des Mitgefühls, das aus den ersten beiden Unermesslichen entsteht, richten wir uns auf alle fühlenden Wesen im gesamten Universum aus. Mit den letzten beiden Qualitäten und der Kraft der Weisheit richten wir uns dann auf vollständige Erleuchtung aus: Wir wünschen uns mit unermesslicher Liebe, dass sie die allerhöchste Form von Glück finden mögen, indem sie die Lichtheit des Dharmakāya erlangen, und wir wünschen uns mit unermesslicher Freude, dass sie davon niemals getrennt sein mögen.

Nachdem wir unseren Geist wieder und wieder in diesen vier unermesslichen Qualitäten geübt haben, erwecken wir das Bodhicitta des Bestrebens, indem wir uns Folgendes sagen: „Um alle fühlenden Wesen zum dauerhaften Glück vollständiger Befreiung zu führen, werde ich alles mir Mögliche tun, um die kostbare Stufe vollkommener Buddhaschaft zu erlangen.“ Außerdem erwecken wir das Bodhicitta der Handlung, indem wir denken: „Zu diesem Zweck werde ich mich in den unermesslichen Aktivitäten der Bodhisattvas üben, wie sie auf diesem tiefgründigen Pfad dargelegt werden, und mich mit freudigem Eifer bemühen, bis kein einziges Wesen mehr in Saṃsāra zurückbleibt.“

Wenn wir ausführlicher praktizieren wollen, , können wir an dieser Stelle „andere als uns gleich ansehen“ und „uns mit anderen austauschen“ und dergleichen praktizieren. Besonders wichtig ist es, uns darauf zu konzentrieren, beim Ausatmen unser eigenes Glück wegzugeben und beim Einatmen das Leid anderer auf uns zu nehmen – die Praxis des „Gebens und Empfangens“ bzw. Tonglen – und dass wir so viel wie möglich über absolutes Bodhicitta, die Einheit von Stille (Śamatha) und Einsicht (Vipaśyanā), verbunden mit einer Gewissheit über die Abwesenheit des Selbst von Personen und von Phänomenen, meditieren.

In der Biographie des kostbaren Gebieters Atiśa wird beschrieben, wie er, nachdem er Tibet erreicht hatte, zu Geshe Tönpa und anderen sagte:

Ohne Bodhicitta, wird alles, was du tust – sei es, viele Belehrungen zu hören, zu studieren, reflektieren, meditieren, die Erzeugungs- und Vollendungsphasen zu praktizieren, über die Sicht des Madhyamaka zu meditieren oder Mantras zu rezitieren und dergleichen – völlig nutzlos sein. Alle tugendhaften Handlungen, die nicht mit Bodhicitta verbunden sind, und alle tugendhaften Handlungen, die unser Bodhicitta schwächen, sind das Werk Māras.

Am Schluss der Sitzung stell dir vor, dass du und alle fühlenden Wesen sich in die Zufluchtsobjekte hinein auflösen. Diese lösen sich in den Lama in der Mitte auf. Er löst sich wiederum in die ursprünglichen Weite des Dharmakaya auf, die frei von jeglichen konzeptuellen Fabrikationen ist. Verweile dann in diesem Zustand der Meditation. Du kannst die Sitzung auch beenden, indem du dir vorstellst, dass das Feld des Verdienstes vom äußeren Rand her zu Licht schmilzt und sich dann in den Lama in der Mitte auflöst. Dieser wiederum schmilzt ebenfalls zu Licht und löst sich dann durch den Scheitel deines Kopfes in dich auf. Dadurch erhebt sich das absolute Bodhicitta, das im Geist [des Verdienstfelds] gegenwärtig ist, kraftvoll in deinem eigenen Geist. Dann widmest du das Verdienst.

Was das Bodhicitta des Bestrebens betrifft, solltest du dich darin üben, andere als dir gleich zu betrachten, dich mit anderen auszutauschen, und andere als wichtiger als dich selbst anzusehen. Für das Bodhicitta der Handlung gilt es, dich in den sechs transzendenten Vollkommenheiten zu üben.

| Übersetzt von Jurek Schreiner, Rigpa-Übersetzungen, 2012, unter Mitarbeit von Karin Behrendt.

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