Befreiung von den vier Anhaftungen

Geistestraining (Lojong) | Tibetische MeisterJetsün Drakpa Gyaltsen

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Jetsün Drakpa Gyaltsen

Jetsün Drakpa Gyaltsen

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Befreiung von den vier Anhaftungen

von Jetsün Drakpa Gyaltsen

Ehrerbietung

Oh Meister, mit all deiner Güte,
Yidam-Gottheit, mit deinem Mitgefühl,
zu euch nehme ich Zuflucht aus tiefstem Herzen:
Gewährt mir euren Segen, darum bitte ich euch!

Das Versprechen, den Text zu verfassen

Jedes Verhalten, das dem Dharma widerspricht, muss beendet werden, und daher,
um das Dharma auf richtige Weise zu praktizieren,
folgt hier die Anweisung über die „Befreiung von den vier Anhaftungen“,
die ich euch nun zu Gehör bringe:

„Hängst du an diesem Leben, bist du kein wahrhaft spirituell Praktizierender,
hängst du an Saṃsāra, hast du keine Entsagung,
hängst du an deinem eigenen Selbstinteresse, hast du kein Bodhicitta,
ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.“

1. Die Anhaftung an dieses Leben aufgeben

Als erstes müssen wir die Anhaftung an dieses Leben aufgeben:
Werden Disziplin, Studium, Reflexion und Meditation
nur zum Wohle dieses Lebens ausgeübt,
verzichte auf sie, denn das ist kein Dharma!

Betrachten wir zuerst die Disziplin: Ihre Praxis ist die Ursache für das Erlangen höherer Bereiche;
sie ist die Treppe zur Befreiung
und das Heilmittel, das Leid beseitigt.
Ohne Disziplin kann man nichts erreichen,
doch hält man sie aus Anhaftung an dieses Leben ein,
ist sie die Hauptursache der acht weltlichen Belange.
Du kritisierst jene, die sich schlecht verhalten,
bist eifersüchtig auf die, die wahre Disziplin besitzen,
das macht deine eigene Disziplin zu reiner Scheinheiligkeit
und sät die Keime für eine Geburt in den niederen Bereichen:
Verwirf also diese falsche und künstliche Disziplin!

Ein Mensch, der Studium und Reflexion nachgeht,
verfügt über den Reichtum der Aneignung allen Wissens,
er trägt eine Fackel, die Unwissenheit vertreibt,
kennt den Pfad, den es fühlenden Wesen zu zeigen gilt,
und besitzt den Samen des Dharmakāya.
Studium und Reflexion sind somit unverzichtbar,
aber jene, die ihnen aus Anhaftung an dieses Leben nachgehen,
besitzen stattdessen einen Reichtum an Stolz und Arroganz,
Verachtung für die, deren Gelehrsamkeit und Kontemplation geringfügiger sind,
und Eifersucht auf alle, die auf authentische Weise studieren und reflektieren.
Da sie ständig auf der Suche nach Schülern und Wohlstand sind,
weisen sie die Hauptursache für das Erlangen der niederen Bereiche:
Verzichte also auf Studium und Reflexion, die auf den acht weltlichen Belangen beruhen!

All jene, die sich in Meditation üben,
besitzen das Gegenmittel zu negativen Emotionen,
die Grundlage für das Bewältigen des Pfades zur Befreiung,
den Reichtum des Erkennens des natürlichen Zustands
und den Samen für das Erlangen der Buddhaschaft.
Meditation ist somit unverzichtbar,
aber jene, die nur im Gedanken an dieses Leben meditieren,
werden selbst in der Abgeschiedenheit Beschäftigung und Vergnügungen finden,
werden ihre Rezitationspraxis zu sinnlosem Geplapper machen,
auf jene herabschauen, die wahrhaft studieren und reflektieren,
und eifersüchtig auf andere Meditierende sein;
während ihre eigene Praxis nichts als Ablenkung ist:
Gib also diese Meditation auf, die auf den acht weltlichen Belangen beruht!

2. Die Anhaftung an Saṃsāra aufgeben

Um Nirvāṇa zu erreichen, das jenseits allen Leidens liegt,
musst du die Anhaftung an Saṃsāras drei Bereiche überwinden.
Und um die Anhaftung an die drei Bereiche aufzugeben,
reflektiere über die Unzulänglichkeit samsarischer Existenz:
Als Erstes gibt es das Leiden am Leid,
welches das Leid der drei niederen Bereiche ausmacht.
Wenn du dies tiefgehend kontemplierst, wird es dich erschauern lassen.
Wenn es dich tatsächlich trifft, wirst du es nicht ertragen können.
Doch solange du es unterlässt, die Tugend der Beherrschung zu praktizieren,
bereitest du weiterhin die Felder der niederen Bereiche vor.
Und dort wird an allen Orten nichts als Schrecken auf dich warten!

Denke über das Leiden an Veränderung nach,
und wie man von den höheren in die niederen Bereiche fallen kann,
wie Indra, der Herrscher der Götter, als gewöhnlicher Sterblicher wiedergeboren werden kann,
wie sich Sonne und Mond verfinstern können,
und der Gebieter der Welt als einfacher Knecht wiedergeboren werden kann.
Wir sollten solchen Beispielen Glauben schenken, da sie den [kanonischen] Schriften entstammen,
doch für gewöhnliche Wesen sind sie schwer zu begreifen.
So schau dir einfach mit eigenen Augen die Veränderungen unter den Menschen an:
Die Reichen werden zu Bettlern,
die Einflussreichen verlieren ihre Macht,
von vielen Menschen überlebt nur einer...
und so weiter, über unsere Vorstellungskraft hinaus.

Um über das alles durchdringende Leid der bedingten Existenz zu kontemplieren,
sieh, wie die Dinge, die es zu tun gibt, endlos sind,
wie alles und jeder vom Leid geplagt ist,
die Wohlhabenden genau wie die Hungrigen.
Wir verbringen unser ganzes Menschenleben mit Vorbereiten,
und inmitten unserer Vorbereitungen rafft uns der Tod dahin;
doch nicht einmal im Tod finden unsere Vorbereitungen ein Ende,
da wir erneut damit beginnen, uns für das nächste Leben bereit zu machen.
Wie abwegig ist doch das Verhalten jener,
die an dieser Anhäufung von Elend, aus der Saṃsāra besteht, anhaften.
Befreit von derartiger Anhaftung erlangen wir Nirvāṇa,
und mit dem Nirvāṇa erlangen wir dauerhafte Glückseligkeit.
Ich singe über meine Verwirklichung – Freiheit von Anhaftung an dieses Leben und an Saṃsāra.

3. Die Anhaftung aufgeben, nur an sich selbst zu denken

Nur mich allein zu befreien, wird jedoch nichts nutzen,
da alle fühlenden Wesen der drei Bereiche meine Väter und Mütter sind.
Wie abscheulich wäre es, meine Eltern im schlimmsten Leid zurückzulassen,
während ich nur Glück für mich allein erhoffe und erstrebe.
Möge das Leid aller drei Bereiche daher in mir zur Reife kommen,
möge mein Verdienst den fühlenden Wesen zugute kommen,
und mögen, durch den Segen dieses Verdienstes,
alle Wesen Buddhaschaft erlangen!

4. Die Anhaftung an Eigen-Existenz aufgeben

Wie weit ich mich im Dharma auch entwickelt haben mag,
solange das Greifen nach einem Selbst existiert, besteht keine Freiheit.
Genauer gesagt:
Greifst du nach Existenz, gibt es keine Befreiung;
greifst du nach Nicht-Existenz, gibt es keine höhere Wiedergeburt;
greifst du nach beiden, bist du einfach unwissend,
strenge dich also an, so gut es geht, in Nicht-Dualität zu verweilen!
Alle Dinge und Ereignisse gehören dem Bereich des Geistes an:
Ohne nach etwas zu suchen, das die vier Elemente erschafft,
sei es bloßer Zufall oder ein allmächtiger Gott,
verweile daher, so gut es dir gelingt, in der innersten Natur des Geistes!

Die Natur der Erscheinungen gleicht einer magischen Illusion,
und sie entstehen aufgrund von Abhängigkeit:
So verhält es sich mit den Dingen, und dies lässt sich nicht in Worte fassen.
Verweile also, so sehr du kannst, in diesem Zustand jenseits aller Beschreibungen!

Mögen durch das Verdienst dieser Tugend –
dem Darlegen der „Befreiung von den vier Anhaftungen“,
alle sieben Klassen von Lebewesen
zur vollendeten Stufe der Buddhaschaft geleitet werden!

Diese Anweisung über die "Befreiung von den vier Anhaftungen" wurde im glorreichen Sakya-Kloster vom Yogin Drakpa Gyaltsen verfasst.

| Übersetzt von Jurek Schreiner, 2013 unter Mitarbeit von Verena Pfeiffer, Erika Bachhuber und Karin Behrendt.

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