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ISSN 2753-4812
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Unterweisung über Trekchö

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Die essenzielle Unterweisung über Trekchö, Wiederherstellung im ursprünglichen Zustand

von Longchen Rabjam

Von Anbeginn vollkommen friedvoll, von keinerlei Fehlern behaftet,
von Natur aus unbeweglich, klar und weit —
diesem sich selbst erkennenden Gewahrsein bringe ich Verehrung dar
und werde nun „Die essenzielle Unterweisung über Trekchö, Wiederherstellung im ursprünglichen Zustand" verfassen.

Diese Unterweisung hat drei Teile: 1) die Vorbereitung: das Haus des gewöhnlichen Geistes einreißen, 2) der Hauptteil: die direkte Einführung in das Angesicht von Rigpa und 3) der Abschluss: wie man diese Erfahrung aufrechterhält.

I) Die Vorbereitung: das Haus des gewöhnlichen Geistes einreißen

Dieser Teil hat drei Abschnitte: 1) die Untersuchung von Entstehen, Verweilen und Vergehen, 2) die Untersuchung von Gleichheit und Verschiedenheit und 3) die Untersuchung, die direkt die eigene Essenz schaut.

1) Die Untersuchung von Entstehen, Verweilen und Vergehen

Hier gibt es wiederum zwei Abschnitte: 1) die Untersuchung des Objekts und 2) die Untersuchung des Subjekts.

1) Die Untersuchung des Objekts

Entsteht dieser Geist, der mit dem Aufhören und Kultivieren von Erinnerungen und Eindrücken einherzugehen scheint, ganz plötzlich? Oder entspringt er äußeren Objekten der Wahrnehmung, wie Erde, Wasser, Feuer oder Wind, wenn er sich zu ihnen hinwendet? Oder geht er aus dem eigenen Körper hervor? Werden diese beiden mit dem Geist in ihre Bruchstücke zerteilt, können sie letzten Endes bis hin zu unteilbaren Teilchen zerlegt werden. Woraus also entspringt der Geist? Gleichermaßen stellt sich die Frage, wo genau die Erinnerungen und Eindrücke verweilen, nachdem sie entstanden sind? Und wenn sie schließlich schwinden und vergehen, wohin gehen sie? Nach innen oder nach außen? Wenn du denkst, etwas wäre vorhanden, nimm es auseinander, bis du nichts Reales mehr finden kannst. Woraus entsteht es dann, wo verweilt es, und wohin vergeht es? Diese Art der Analyse lässt dich verstehen, dass diese Objekte zwar erscheinen, jedoch nicht wahrhaftig existieren, wie die Spiegelung des Mondes im Wasser. Aus diesem Grund können sie nicht das Objekt sein, aus dem der Geist entsteht, in dem er verweilt, oder wohin er vergeht. Die Erkenntnis, dass der Geist nicht aus Objekten entsteht, hat zur Folge, dass objektbezogene Gedanken sich in Luft auflösen. Indem du erkennst, dass sie von Natur aus nicht real und von Anbeginn leer sind, werden die Objekte in das Ungeborene hinein befreit.

2) Die Untersuchung des Subjekts

Wenn Erinnerungen aufkommen oder Eindrücke entstehen, denkst du vielleicht, dass sie zwar nicht aus einem Objekt entstehen, aber der Geist doch aus dem Geist entsteht, im Geist verweilt, und dann wiederum im Geist vergeht und sich auflöst. Dies führt allerdings zu der Problematik, dass der Geist in ein und demselben Moment als zwei unterschiedliche Teile desselben existieren würde. Der Geist, der entsteht, und der Geist, der ihn entstehen lässt, wären gleichzeitig das, was entsteht, und der Ort des Entstehens, gleichzeitig der Ort des Vergehens oder Auflösens und das, was sich auflöst. Wenn etwas singulär ist, kann es sich unmöglich im gleichen Moment zweiteilen, da von singulärer Essenz zu sein unvereinbar damit ist, gleichzeitig eine davon verschiedene Entität zu sein.

Wenn du glaubst, dass der Geist aus dem Geist entsteht, entspringt er dann einem Geist, der geendet hat, oder einem Geist, der noch nicht geendet hat? Ersteres würde bedeuten, dass der Geist aus etwas nicht Realem entsteht, da, was bereits geendet oder aufgehört hat, nicht existiert. Würde man dem zustimmen, würde der Geist folglich ganz ohne Ursache entstehen, da eine solche unmöglich existieren könnte. Die zweite Überlegung würde die Dauerhaftigkeit des Geistes voraussetzen, da er in diesem Fall aus einer nie endenden Ursache entstehen würde, anders ausgedrückt: die Ursache — da sie noch nicht geendet hat — würde zur gleichen Zeit wie das Resultat existieren.

Andererseits überlegst du vielleicht, ob der Geist aus einem früheren Geist entsteht. Das wirft die Frage auf, ob der frühere Geist und der gegenwärtige Geist miteinander verbunden sind oder nicht. Sind sie miteinander verbunden, muss der Geist in dem Moment, in dem sie miteinander in Verbindung treten, entweder bereits verstrichen sein, da es sich um einen Geist handelt, der sich als singuläre Identität mit dem früheren verbindet, oder aber der frühere Geist muss noch präsent und darf nicht vergangen sein, da es sich um einen Geist handelt, der sich als singuläre Identität mit dem ersten Moment des gegenwärtigen verbindet. Verweilt der Geist im Geist, trifft man auf ein ähnliches Problem, da der gegenwärtige Geist in den Ort des Verweilens und den Verweilenden zerteilt wird. Im Fall der Auflösung gäbe es gleichermaßen den Fehler der Zweiteilung — ein Geist, der bereits vergangen ist, und ein Geist, der vergeht, die gleichzeitig existieren.

Bestehst du weiterhin darauf, dass der Geist existiert, was ist dann die Essenz deines Geistes? Welche Form und welche Farbe hat er? Befindet er sich innerhalb oder außerhalb des Körpers? Oder irgendwo dazwischen? Wenn er nirgendwo zu finden ist, woher weißt du dann, dass der Geist existiert? Sagt der Geist: „Ich bin der Geist"? Oder schreibt dir der Geist, nachdem er entstanden ist, ein Zettelchen mit „Ich bin der Geist"? Bist du der Auffassung, deine lebhaften Gedanken und Eindrücke wären der Geist, betitelst du sie tatsächlich nur als solchen. Es gibt weder ein mündliches noch schriftliches Zeugnis dessen.

Wenn du die Meinung vertrittst, dass es so ist, eben weil du so denkst, bedeutet das dann, dass alles, was du benennst, dementsprechend existiert? Wenn ja, stelle dir bitte vor, dass der Berg dort eine riesige Feuerwand ist. Wir können dann beide feststellen, ob er sich vor unseren Augen in Feuer verwandelt. Er verwandelt sich aber nicht in Feuer, weil er, obwohl du dir vielleicht vorstellst, er wäre Feuer, keines ist. Ganz gleich, welche Gedanken oder Eindrücke entstehen mögen, da es letztendlich weder Entstehen gibt noch etwas, das entsteht, sind sie nicht gleichzusetzen mit dem sogenannten Geist. Obwohl nichts jemals auf solchem Wege differenziert wurde, bezeichnen wir es dennoch dementsprechend und halten hartnäckig daran fest.

Untersuchen wir den Geist auf diese Art und Weise, wird die Tatsache, dass er unbeschreiblich und doch lebhaft präsent ist, als „die unbeschreibliche Essenz des Geistes selbst schauen" bezeichnet.

2) Die Untersuchung von Gleichheit und Verschiedenheit

Wenn in deinem Geist Freude aufkommt, sind dann der freudige Geist und das in deinem Bewusstsein erscheinende mentale Bild des geliebten Menschen, der diese Freude in dir weckt, ein und dasselbe? Oder unterscheiden sie sich voneinander?

Wären sie ein und dasselbe, gäbe es nicht länger eine Unterscheidung zwischen Objekt und Subjekt, was unhaltbar wäre. Darüber hinaus entsteht der freudige Geist aus dem mentalen Bild eines geliebten Menschen, und zwei Dinge, die aufeinanderfolgen, können nicht identisch sein. Das liegt daran, dass die Vergangenheit und die Gegenwart nicht gleichzeitig existieren, und die Aufeinanderfolge der Geisteszustände — geliebter Mensch, dann Freude — Singularität ausschließen.

Würden sie sich hingegen voneinander unterscheiden, wäre dann ein einziger Geist in zwei Aspekte geteilt — einerseits der mentale Eindruck des geliebten Menschen und andererseits der mentale Zustand der Freude? Existieren diese beiden mentalen Eindrücke (der des geliebten Menschen und der der Freude) tatsächlich voneinander getrennt, unabhängig von deinem konzeptuellen Denken? Wenn du die Meinung vertrittst, dass sie Unterschiede bezüglich des Zeitpunkts oder ihrer Qualitäten aufweisen, woher weißt du das? Haben sie das selbst gesagt? Haben sie eine Notiz hinterlassen? Oder stellst du es dir nur so vor? Wenn du glaubst, dass es allein auf Grund deiner eigenen Vorstellung so ist, stell dir vor, dass sie ein und dasselbe sind, und dass Freude Leid ist. Überprüfe dann, ob sie sich deiner Vorstellung entsprechend verändert haben. Vielleicht behauptest du, es wäre tatsächlich geschehen, aber das ist unmöglich. Dinge können nicht gleichzeitig ein und dasselbe und voneinander verschieden sein.

Wenn die Bedingungen für Unzufriedenheit zusammenkommen, wie die Begegnung mit einem Feind oder eine unangenehme Unterhaltung, triffst du möglicherweise wie zuvor eine mentale Unterscheidung zwischen solchen Eindrücken und deinem eigenen Geist. Wenn du aber untersuchst, ob Gedanken wie „Er ist so uneinsichtig" oder „Er hat das und das zu mir gesagt" tatsächlich eigenständig existieren, gelangst du zu dem Verständnis, dass es, außer den eigenen geistigen Konstrukten, keinerlei Gleichheit oder Verschiedenheit gibt, und wirst so von jeglicher Akzeptanz und Ablehnung befreit.

Wenn sich das Bewusstsein äußeren Objekten zuwendet, sind dann die Merkmale des Objekts und das Gewahrsein dessen ein und dasselbe oder voneinander verschieden? Wären sie ein und dasselbe, hätte dies zur Folge, dass der Geist dieselben Merkmale wie das äußere Objekt besitzen müsste, wie Farbe und Form, was unhaltbar wäre. Du könntest dem mit der Begründung widersprechen, dass es doch so zu sein scheint, aus den Sūtras und Tantras geht jedoch klar hervor, dass der Geist keine erkennbare Farbe hat und eine solche Farbe niemals durch Untersuchung festgestellt werden kann. Bist du der Meinung, dass sie voneinander verschieden sind, steht dem entgegen, dass das Objekt in unteilbare Teilchen und der Geist in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, oder äußerlich, innerlich, und dazwischen zerteilt werden kann, so dass sich keine individuelle Identität bestimmen lässt, und es daher keine wesentliche Unterscheidung gibt. Vielleicht behauptest du, dass es sich zwar auf der letztendlichen Ebene so verhält, es auf relativer Ebene jedoch einen Unterschied gibt. Was auch immer letztendlich wahr ist, muss stets zutreffen. Dies ist vergleichbar damit, dass man einen Stechapfel isst und dann behauptet, die Halluzinationen seien real.

Wenn Gedanken und Ideen auftauchen, sind sie dann ein und dasselbe oder verschieden? Behauptest du, sie wären ein und dasselbe, steht das im Widerspruch zu ihrer offensichtlichen Vielfalt. Andererseits könntest du behaupten, dass sie sich voneinander unterscheiden, doch mehrere Gedanken erscheinen nicht gleichzeitig. Sie entstehen nacheinander und sind daher nur durch das Zusammenkommen mehrerer einzelner Momente viele an der Zahl. Offensichtlich stellt dies keinen tatsächlichen Unterschied innerhalb des Geistes dar. Vielleicht denkst du, dass sie ein und dasselbe in Bezug auf den Geist oder das Bewusstsein sind, sich jedoch in ihren Merkmalen unterscheiden. Auch diese Vorstellung ist fehlerhaft. Untersucht man die hier angenommene Singularität des Geistes, kann sie nicht ermittelt werden, da der Geist keinerlei wahrhafte Essenz besitzt. Da der Geist dementsprechend nicht als singulär etabliert werden kann, kann nichts, was im Geist erscheint, als etwas bestimmt werden, das eigene Merkmale besitzt.

So gelangst du durch gezielte Untersuchung zur Erkenntnis, dass die Gedanken und Geisteszustände, obwohl sie so lebendig erscheinen, in Wirklichkeit nie entstanden sind, es keinen Ort für ihr Entstehen gibt und ihr Entstehen an sich unmöglich ist. Wir erkennen, dass unsere frühere Annahme, der Geist sei wahrhaftig existent, die auf unseren unwirklichen verblendeten Gedanken basierte und mit der wir uns in Sicht, Meditation und Handlung bemühten, das war, was man „vollständige Verblendung" nennt. Alle Sūtras, Tantras und Kernanweisungen beschreiben den Geist als dem Raum gleich, ohne Grundlage und Ursprung. Diejenigen, die wie Blinde bis jetzt unfähig waren, dies zu erkennen, werden es nun klar und direkt sehen können, als würden sie ihre Augen öffnen. Dies wird „die Natur des Geistes erkennen" genannt.

3) Die Untersuchung, die direkt die eigene Essenz schaut

In diesem Abschnitt werden die Ermächtigung der reinen Unmittelbarkeit und die Ermächtigung der reinen ursprünglichen Befreiung präsentiert.

1) Die Ermächtigung der reinen ursprünglichen Befreiung

Letztere zeigt auf, wie die fünf äußeren Objekte der Wahrnehmung von selbst erscheinen und gleichzeitig namenlos sind. Dies wird durch die Reflexionen in einem Spiegel veranschaulicht: woher kommen sie ursprünglich? Wo befinden sie sich jetzt? Wohin vergehen sie letztendlich? Untersuche, ob die Oberfläche des Spiegels und die Reflexionen darin ein und dasselbe, oder voneinander verschieden sind. So wirst du erkennen, dass die Entstehung der Reflektionen anfänglich nirgendwo herkommen; sie besitzen keine eigene Essenz. Obwohl sie jetzt in diesem Moment erscheinen, befinden sie sich nirgendwo, da sie keine eigene Natur besitzen. Am Ende gehen sie nirgendwo hin. Der Grund dafür ist, dass ein Gesicht nicht in den Spiegel eintritt und daher seine Reflektion nichts Konkretes ist, das vergehen könnte. Genauso haben visuelle Formen augenscheinlicher Objekte und die Gedanken, Eindrücke und der Geist, die mit ihnen einhergehen, nie wirklich existiert. Obwohl es also scheint, als würden sie existieren und wären real, werden sie als große ursprüngliche Leerheit und Wurzellosigkeit erkannt. Gleichermaßen existieren die ertönenden Klänge weder außen, innen noch irgendwo dazwischen. Wenn Gerüche, Geschmäcker, oder taktile Empfindungen wahrgenommen werden, existieren das wahrgenommene Objekt und der Geist, der es wahrnimmt, weder außen, innen noch irgendwo dazwischen. Wir stellen fest, dass sie zwar erscheinen, aber keinerlei wirkliche Essenz besitzen, und daher weder irgendwo heraus entstehen, sich nirgendwo befinden, noch irgendwo hin verschwinden. Dies ist die Ermächtigung der großen verweilenden ursprünglichen Befreiung.

2) Die Ermächtigung der reinen Unmittelbarkeit

Dieser Abschnitt über die Ermächtigung der reinen Unmittelbarkeit umfasst drei Unterteilungen, in denen die ursprüngliche Weisheit in ihrer Natürlichkeit jenseits des gewöhnlichen Geistes dargestellt wird.

1) Die Untersuchung von Erscheinungen

Steige auf den Gipfel eines hohen Berges und blicke dich in den vier Himmelsrichtungen um. Wenn dich jetzt jemand fragt: „Was ist da drüben? Sag! Schnell!" würde in dir ein klares Gewahrsein erwachen, in welchem es kein Benennen von Wahrnehmungen als dieses oder jenes gibt. Der Geist, der dieses oder jenes benennt, würde aufhören, und es gäbe das sogenannte „Gewahrsein, das die Sphäre ursprünglicher Weisheit ist". Alternativ dazu kannst du das Atmen durch Mund und Nase anhalten und deinen Blick direkt auf die äußeren Objekte richten, wodurch du zu einem lebendigen, nicht-greifenden Gewahrsein gelangst, das der Wahrnehmung eines Kindes ähnelt, frei von Namen und Bezugspunkten den erscheinenden Objekten gegenüber. Da sich die Windenergie zu diesem Zeitpunkt ins Herz hinein auflöst, verweilt die Strahlung wie sie ist, der Geist hört auf und leuchtende Weisheit wird verwirklicht.

2) Die Untersuchung von Rigpa

Stell dir vor, jemand würde eine Reihe zusammenhangloser Dinge aufzählen, so etwas wie: „Der eigene Geist, das Objekt des Geistes, leeres Objekt, verfestigt, uneingeschränkt, ausgewogen, was ist damit gemeint?" Und dann: „Sag! Schnell!" Du würdest einen Zustand erfahren, der nicht durch gewöhnliche Worte ausdrückbar ist, und wärst komplett überwältigt. Das ist die Verwirklichung ursprünglicher Befreiung jenseits von Assoziationen. Jemand könnte dich auch fragen: „Wo wurden du und ich im letzten Leben geboren? Wo werden wir in der Zukunft wiedergeboren werden? Schnell! Sag!" Es würde dich sprachlos und in stillem Erstaunen zurücklassen. Erkenne dies als die Verwirklichung des von Natur aus erkenntnisfähigen Gewahrseins, in welchem der gewöhnliche Geist aufhört.

3) Die Untersuchung der Nicht-Dualität von Erscheinungen und Geist

Der Lehrer weist den Schüler zu einem bestimmten Ort und sagt: „Geh dorthin." Wenn der Schüler sich auf halber Strecke befindet, sagt der Guru: „Komm jetzt wieder zurück." Obwohl zu diesem Zeitpunkt die Bewegung und die erscheinenden Objekte nicht aufhören, hört das konzeptuelle Greifen des Geistes nach den verschiedenen Benennungen und Bezugspunkten auf. Dies ist die ursprüngliche Weisheit des Gewahrseins, leuchtend gewahr und gleichmäßig sich erhebend.

Auf diese Weise erkennt man durch die mannigfaltigen Symbole und Methoden kontinuierlich die große, ursprüngliche, natürlich präsente Intention des Gewahrseins, das frei von dualistischem Greifen ist, als die spontan gegenwärtige große Natur. Das ist das Erkennen der ursprünglichen Weisheit jenseits des gewöhnlichen Geistes.

II) Der Hauptteil: die direkte Einführung in das Angesicht von Rigpa

Der Hauptteil ist in zwei Abschnitte unterteilt.

1) Die Einführung in den natürlich gegenwärtigen Weisheitsgeist

Nachdem der Schüler oder die Schülerin die passende Körperhaltung eingenommen und sich für einen Moment entspannt hat, findet die Einführung folgenderweise statt: „Oh Begünstigte, dieses gegenwärtige Gewahrsein, das sich weder ausdehnt noch zusammenzieht, doch gleichzeitig unaufhörlich strahlend, überwältigend und ausgewogen ist, ist der Weisheitsgeist des ursprünglich reinen Dharmakāya. Er besitzt weder Außen noch Innen, weder Sicht, Meditation, Handlung, noch Resultat. Er ist jenseits von Existenz und Nicht-Existenz, jenseits von Nicht-Sein oder Sein, jenseits von Worten und Konventionen. Er ist von Natur aus zur Ruhe gekommen und ausgewogen, von spontaner Klarheit und entspannt, ursprünglich frei und lebendig, gelöst ohne Greifen, klar, leer und leuchtend, unwirklich und unfassbar. Verweile, ohne einen Wesenskern zu bestimmen, in diesem Zustand, und ohne dich anzustrengen oder an irgendetwas als real festzuhalten. Erkenne dies als ursprünglich freies Gewahrsein, den großen, spontan gegenwärtigen Dharmakāya. Ruhe in einem Zustand, der frei von Gedanken und ungezwungen ist, frei von Meditation und ungebunden, mühelos und strahlend, rückstandslos und klar, frei von jeglichem Anhaften oder Greifen nach irgendetwas, dem Himmel gleich. Ruhe wie ein Berg, mit felsenfester Stabilität. Ruhe wie ein Ozean, mit unbeweglicher Klarheit. Ruhe ohne jede Hoffnung oder Furcht, als hättest du einen Auftrag vollbracht. Ruhe wie ein Greis, offen und zufrieden. In der ungekünstelten, natürlich verweilenden Dharmatā ist der nicht-verweilende ursprüngliche Dharmakāya spontan präsent. Verweile natürlich und frei, ohne irgendetwas zu verändern oder zu berichtigen." Auf diese Weise wird die Einführung gegeben.

2) Die Einführung in das Nicht-Entstehen und Nicht-Vergehen von Gedanken und Eindrücken

„Begünstigter oder Begünstigte, wenn du in einem solchen Zustand verweilst, scheinen mannigfaltige Gedanken und Eindrücke zu entstehen. Da es jedoch weder einen Ort gibt, an dem sie entstehen, noch etwas, das entsteht, erkenne, dass weder Entstehen noch Vergehen existieren. Untersuche dieser Überlegung folgend den genauen Moment des Entstehens. Da keinerlei äußere oder innere Essenz bestimmbar ist, kommst du zu dem Schluss, dass das, was wir ‚Entstehen' oder ‚Vergehen' nennen, nie existiert haben kann. Durch fortwährendes Verweilen in dieser Erfahrung wird Unverrückbarkeit spontan erlangt. Durch die Schlussfolgerung, dass weder Entstehen noch Nicht-Entstehen existieren, gelangst du demgemäß zur Überzeugung, dass weder Vergehen noch Nicht-Vergehen existieren. Ruhe mit großer Natürlichkeit im ungeborenen Zustand, ohne dem referenzlosen Geist ein Gegenmittel entgegenzusetzen. Durch bloßes Schauen kann dies nicht ermessen, durch bloßes Bestreben nicht begriffen werden. Ruhe natürlich in der spontanen Entfaltung von allem, was auch immer entsteht, ohne nach etwas zu greifen, das nie wirklich existiert hat. Solltest du den Geist, der weder nützt noch schadet, mental in die Länge ziehen, wird der Kreislauf der Gedanken nie zerschlagen. Im Augenblick des spontanen Loslassens findet sich der Dharmakāya, die Natur des Weisheits-Gewahrseins, in welchem der Geist aufhört. Ein jeder erscheinende Gedanke hat vom ersten Moment seines Erscheinens an nie wirklich existiert, erlaube den Gedanken daher im leeren Tal der Nicht-Anhaftung frei umherzuziehen, ganz wie sie wollen. Schaue in das Gewahrsein, welches nicht durch Fragmentierung verfälscht und natürlich klar, unaufhörlich und ursprünglich frei ist. Es kann nicht durch bloßes Schauen gefunden werden und hat keine Ursache. Es verweilt als leere Klarheit, ohne Basis oder Ursprung. Wird es belassen, wie es ist, kann nichts gefunden werden. Es ist das gewöhnliche Gewahrsein, der Zustand der Dharmatā. Ruhe frei und gelassen in dieser zeitlosen Erfahrung. Das ist die Natur der Großen Vollkommenheit.

Lass alles sich Entfaltende einfach los, gelassen und ganz natürlich. Erkenne die Essenz des natürlich klaren Gewahrseins, indem du einfach unabgelenkt verweilst. Weder Entstehen noch Verweilen haben je wahrhaft existiert und sind daher jenseits von Nutzen oder Schaden. Entspannt man sich einfach in diesem Zustand, werden Gedanken in den grundlegenden Raum gereinigt, ohne dass sie aufgegeben werden müssen, während du in der großen Dharmatā ursprünglicher Verwirklichung verweilst. Schaue in dieses Gewahrsein, ungetrübt vom gewöhnlichen Geist, klar und frei von Gedanken — das natürliche Bewusstsein, unverfälscht und unbeeinträchtigt. Das ist die nicht-ausführliche, gleichzeitig entstehende Weisheit, unvoreingenommen und uneingeschränkt, wie die Sonne, die im klaren Himmel scheint. Ganz gleich, ob diese Essenz des klaren und leeren nackten Gewahrseins entsteht oder verweilt, erkenne jederzeit, was eingeführt wurde — die Natur, die ursprünglich frei, unveränderlich, ausgewogen, offen und jenseits von Gedanken und Konzepten ist. Ruhe also in dieser fortwährenden Erfahrung, in welcher sich die Grundlage der Gedanken erschöpft, in welcher keinerlei Anstrengung notwendig ist und keinerlei Hoffnung und Furcht existieren, die keine festen Maße besitzt, nicht auf eine bestimmte Art festgelegt ist und nicht abgelenkt und nicht beeinträchtigt von Gedanken. Praktiziere auf diese Art und Weise." Auf diese Weise wird die Einführung gegeben.

III) Der Abschluss: wie man diese Erfahrung aufrechterhält

Der Abschluss ist in zwei Abschnitte unterteilt.

1) Während der Meditation

Entspanne dich während der meditativen Ausgeglichenheit, ohne an der ursprünglichen Weisheit des leeren Gewahrseins festzuhalten, offen und frei, in natürlicher Klarheit. Blockiere aber, während das Bewusstsein sich entspannt, nicht die Objekte, die den sechs Arten der Wahrnehmung erscheinen: sichtbare Objekte, Klänge, Gerüche, Geschmäcker, taktile Empfindungen und Gedanken über Annehmen und Ablehnen im Geist. Übe dich in einer kontinuierlichen Erfahrung von Gewahrsein, ohne irgendetwas nachzufolgen, mit strahlender Klarheit, ungekünstelt und unbeeinflusst von Hoffnung oder Furcht. Auf diese Weise zu praktizieren, bringt natürliche Freiheit ohne das Ablehnen von Sinnesobjekten, sowie natürliche Freiheit ohne das Ablehnen des wahrnehmenden Geistes. Reine Sicht, frei von jeglicher Dualität von Erscheinung und Geist, wird der uneingeschränkten göttlichen Sicht gleichen, die durch Mauern, Zäune, Berge und ähnliches hindurchzuschauen vermag. Das Gehör wird Sprachen und Dialekte entschlüsseln, einschließlich der Sprache der Götter und die der Nāgas. Der Geruchssinn wird Düfte jenseits des menschlichen Bereichs wahrnehmen. Du wirst die hundert Geschmäcker meditativer Konzentration kosten und nicht weiter auf Essen angewiesen sein. Auf physischer Ebene wirst du die Wärme von Glückseligkeit und Klarheit der Weisheit erfahren. Auf mentaler Ebene wirst du viele deiner eigenen vergangenen Leben und die vergangenen Leben anderer erinnern, eine geschärfte Wahrnehmung erlangen und dich der Erschöpfung von Verunreinigungen erfreuen.

2) In der Nach-Meditation

Indem du in der Nach-Meditation alle Erscheinungen als die acht Gleichnisse der Illusion verstehst, wirst du von Anhaftung und Abneigung und den leidhaften Emotionen befreit. Erkenne, dass alles, das sich als die Entfaltung des Geistes erhebt, der annimmt und ablehnt, weder Grundlage noch Ursprung besitzt. Vermeide danach zu greifen oder daran zu hängen, sowie es anzunehmen oder abzulehnen. Meditiere über die tiefgründigen Unterweisungen, beachte sorgsam das Gesetz von Ursache und Wirkung, übe dich in reiner Sicht und Hingabe und halte deinen Geist von Fehlern frei, bis sich das Greifen nach einem Selbst in den grundlegenden Raum hinein auflöst. Halte deine Gelübde und Samayas aufrecht und verweile in Abgeschiedenheit. Gib Ablenkungen und Geschäftigkeit auf und halte deine Entsagung aufrecht. Sei ohne Anhaftung oder Zwang, und mache Nicht-Greifen zu deinem Pfad. Kontempliere kontinuierlich deine Sterblichkeit, und entfache das Feuer des freudigen Eifers. Widme dich Tag und Nacht der Tugend, und sage dich von den Angelegenheiten des gegenwärtigen Lebens los. Stütze dich allzeit auf den Guru, voller Hingabe, und bete zu ihm. Mache Ziellosigkeit zu deinem Pfad und ruhe in einem Zustand jenseits des Handelns. Gib dualistisches Greifen nach Selbst und anderen auf und lass Hoffnung und Furcht hinter dir. Mache Widrigkeiten zu deinem Pfad und sieh alle Erscheinungen als den Guru. Indem du erkennst, dass alles nichts anderes als deine eigene Projektion ist, lass das Greifen nach einem Selbst und Anhaftung hinter dir. Da die Dinge jeglicher wahren Substanz entbehren, halte das Bewusstsein ihrer Unwirklichkeit und Wandelbarkeit aufrecht. Indem du verstehst, dass die Dinge von jeher leer waren und immer leer sein werden, erscheinen sie als deine eigenen Projektionen. Halte diese Methoden und dieses Verhalten aufrecht, und setze sie Tag und Nacht um. Solange der Geist von Umständen beeinträchtigt wird, übe dich in der Kraft des Gewahrseins und widme dich der Praxis in Abgeschiedenheit. Solange du an Ablehnung und Kultivierung festhältst, übe dich in Tugend und gib Nicht-Tugendhaftes auf und übe dich in der Bedeutung der Nicht-Dualität. Lass dich, bis zu dem Zeitpunkt, da alles zu deinem Verbündeten wird, von den Anweisungen leiten, und schau in die Natur des Gewahrseins. Solange du dich noch vor Geburt und Tod fürchtest, übe dich in der Bedeutung des Ungeborenen, und alles — innen und außen — wird sich als Dharmatā erheben. Dann wirst du im flussgleichen Yoga der Nicht-Meditation verweilen.

Abschlussverse und Kolophon

Indem so die wesentlichen Punkte der tiefgründigen Anweisung enthüllt wurden,
mögen die vom Glück Bedachten ganz natürlich von dualistischem Greifen befreit werden
und mögen alle Wesen spontan Errungenschaft erlangen,
im Zustand von Samantabhadra, ursprünglich und selbst-entstanden.

Diese essenzielle Unterweisung über Trekchö, Wiederherstellung im ursprünglichen Zustand, verfasst von Longchen Rabjam, einem Yogin des höchsten Fahrzeuges, ist hiermit vollendet. Möge es Glücksverheißend sein! Glücksverheißend! Glücksverheißend!


| Ins Englische übersetzt von Adam Pearcey mit großzügiger Unterstützung der Tsadra Foundation, 2024. Ins Deutsche übersetzt von Theresa Bachhuber, 2026.


Quellen

Tibetische Edition

klong chen rab 'byams pa dri med 'od zer. "khregs chos ye babs sor gzhag gi don khrid" In snying thig ya bzhi. 13 Bde. Delhi: Sherab Gyaltsen Lama, 1975. Bd. 1: 371–388.


Version: 1.0-20260401

Longchen Rabjam

Longchen Rabjam

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