Die Vereinigung der zwei Ansammlungen
Der Spiegel der essenziellen Praxis-Anweisungen:
Die Vereinigung der zwei Ansammlungen
von Mipham Rinpoche
Ich werfe mich nieder vor dem Weisheitswesen, dem ursprünglichen Buddha Mañjughoṣa – in dem der erleuchtete Geist der Sieger der drei Zeiten gegenwärtig ist und dessen Form die Gleichheit der unteilbaren Natur von Samsara und Nirvana ist, der ultimativen einzelnen Sphäre[1].
Heutzutage gibt es jene, welche die tiefgründige ultimative Natur praktizieren, aber nur Mühe aufwenden, um über den nicht-zusammengesetzten grundlegenden Raum (dharmadhatu) zu meditieren, während sie zusammengesetzte positive Handlungen und Praktiken ablehnen. Andere klammern sich an die Wurzeln der Tugend aus begrifflichen Konstrukten mit Merkmalen, während sie die Bedeutung der nicht-objektbezogenen, alles durchdringenden Offenheit verlieren. Weder die einen noch die anderen verstehen die Praxis der Vereinigung der beiden, und sind deshalb an das enge Festhalten an ein Extrem gebunden. Dies liegt daran, dass sie die tiefgründige Bedeutung von Dzogchen nicht realisiert haben.
Obwohl die eigentliche wahre Natur der Wirklichkeit kein Referenzobjekt ist, da alle Erscheinungen der Schmuck ihrer Manifestation sind, verdunkeln diese beiden – Natur und Erscheinung – einander nicht. Und innerhalb des natürlichen Zustands von Gleichheit und Vollständigkeit ist alles, was auch immer sein mag, voll Ruhe.
Dennoch sollten diejenigen, die neue Praktizierende sind, vorübergehend das Darbringen von Opfern, Rezitationen, Studium und so weiter beiseite legen, da diese den Gedankenstrom vermehren. Sie sollten stattdessen in der angeborenen Natürlichkeit ruhen und sich bemühen, sich mit einem natürlich gesetzten, natürlich klaren Zustand vertraut zu machen.
Zu diesem Zweck weisen uns die Tantras an, Rezitation, Studium, das Darbringen von Opfern und dergleichen beiseitezulassen und über die Kernunterweisungen der tiefen Bedeutung zu meditieren.
Wenn die weite Offenheit des ursprünglichen Zustands, das Strahlen des Gewahrseins, auftaucht, so wie das Spiegelbild des Mondes auf dem Wasser, behindern Erscheinungen sie nicht. Zu dieser Zeit ist alles, was erscheint, sein eigenes Ornament der Manifestation, in dem der Ozean der Ansammlungen positiver Handlungen mühelos und ohne absichtliche Überlegung vervollständigt wird. In einem solchen Fall trägt die Mühe, die man in Opfergaben, Studium und so weiter steckt, nur umso mehr zum Hervortreten der Quintessenz der tiefgründigen Meditation bei.
Was auch immer erscheint, ob gut oder schlecht, ist nichts, was man annehmen oder ablehnen müsste – alles ist gleichwertig als das Ornament der Manifestation der wahren Natur der Phänomene. Selbst wenn man nach „der Dunkelheit schädlicher Handlungen und dem Leiden, das aus unreinen Wahrnehmungen und Verblendung entsteht“ suchen würde, wäre es unmöglich, sie zu finden.
Aus dem Zustand unverblendeten Gewahrseins heraus sind die ununterbrochenen Ornamente – was auch immer erscheint und was auch immer man tut – der Pfad zu Glück und Tugend. Dies geschieht natürlich und ohne Anstrengung.
Selbst während der Fleiß gegenüber relativen positiven Handlungen wie ein Feuer lodert, schreitet die Meditation voran. Selbst während die Meditation so stabil wie ein Berg ist, gewinnt der Fleiß gegenüber relativen positiven Handlungen an Schwung. Beide sind von einer einzigen Natur, ihre essentiellen Punkte sind in Harmonie. Dies ist das Ergebnis des Dzogchen-Pfades.
Wenn man das höchste innewohnende Vertrauen erlangt, dass alles von Samsara und Nirvana im selbsterkennenden Gewahrsein enthalten ist, sind alle möglichen Erscheinungen der Existenz zeitlos vollständig als spontan präsente Opfergaben, selbst ohne das äußere Arrangement auch nur einer einzigen Blume.
Ebenso sind für mächtige Yogis, die das höchste innewohnende Vertrauen in die souveräne Gleichheit erlangt haben, die Erzeugung der Gottheit, Rezitationen, Mudras, zum Wohle gereichende Aktivitäten und so weiter nichts, das gesucht werden muss, sondern sie sind zeitlos vollständig. Dies liegt jenseits des begrenzten Wahrnehmungsbereichs gewöhnlicher Wesen.
Praktizierende, die auf dem Pfad des Eintauchens in das wahre Sein trainieren und eine solche Ebene noch nicht erreicht haben, müssen dennoch meditieren, indem sie die Erzeugungsphase (mit Visualisierungen) und die Vollendungsphase (ohne Visualisierungen) abwechseln – den Pfad der zwei Ansammlungen.
Während sie sich auf den anstrengungsreichen Pfad mit referenziellen Objekten verlassen, sollten sie die Gewissheit des Wissens um die Bedeutung der grundlegenden Natur, die jenseits von Handlung und selbstbefreit ist, nicht aufgeben. Sie sollten sich fleißig an tugendhaften Aktivitäten beteiligen, diese nicht vernachlässigen, sondern sie entsprechend ihrer Kapazität verfolgen.
Während man mit einpünktiger Konzentration auf die ultimative Natur der souveränen Gleichheit meditiert und alle Erscheinungen so lässt, wie sie sind, verdeckt nichts den grundlegenden Raum der Phänomene; alles wird als dessen Ornament der Manifestation erkannt. Ohne anzuhalten oder zu produzieren, erlaube es den Phänomenen, in sich selbst und aus sich selbst heraus in ihrem eigenen Grund zu ruhen.
Daher gibt es für einen im Gewahrsein vertieften Praktizierenden, der die Bedeutung des Grundes der Unteilbarkeit der zwei Wahrheiten erkennt, keinen Konflikt darin, das Training in den zwei Ansammlungen entsprechend der eigenen Erfahrung abzuwechseln. Dies ist ein entscheidender Punkt, den es zu verstehen gilt.
Für Praktizierende, die die volle und vollständige Erkenntnis erlangt haben, dass alle Pfade, die von den zwei Wahrheiten umfasst werden, nicht im Konflikt stehen, wird der Geist offen und entspannt sein, egal was sie tun mögen. Dies ist das, was man den weiten, himmelsgleichen Pfad von Dzogchen nennt, das höchste Fahrzeug.
Nimm dies als Grundlage: Blicke nicht auf zusammengesetzte Wurzeln der Tugend herab und stelle sicher, dass die Zyklen der Dzogchen-Übertragungen durch gründliche Erklärungen ergänzt werden, wie die zwei Wahrheiten des Grundes, die zwei Ansammlungen des Pfades und die zwei Kayas des Resultats eine unteilbare Einheit bilden.
Mangalam. Dies wurde am frühen Abend beim Licht einer Lampe am 15. Tag des ersten Monats des Feuer-Pferde-Jahres geschrieben.
| Deutsche Übersetzung von Uwe Frankenhauser, 2026.
Literaturverzeichnis
Tibetische Ausgabe
mi pham rgya mtsho. "tshogs gnyis zung 'jug gi nyams len gnad kyi me long" In gsung 'bum/_mi pham rgya mtsho. 32 vols. Chengdu: Gangs can rig gzhung dpe rnying myur skyobs lhan tshogs, 2007. (BDRC W2DB16631). Vol. 32: 515–518
Version: 1.0-20260122
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Symbolische Beschreibung des dharmakaya, weil dieser leer von Dualität und Beschränkung ist. ↩
