Prophetischer Leitfaden des Longchen Nyingtik
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Schatulle des erleuchteten Geistes, der prophetische Leitfaden der Herz-Essenz der Großen Weite
enthüllt von Jigme Lingpa
Verehrung der unermesslichen Weite Samantabhadras!
Im zweiten Stockwerk des aus Akaniṣṭha emanierten Tempels,
im Zimmer aus strahlendem Türkis,
wurde den drei Herzensschülern – dem König, dem Untertan und der Gefährtin –[1]
diese Schatulle gezeigt, darin verborgen ein Manuskript mit äußerst wertvollen und direkten Anweisungen
über den tiefgründigen Zyklus der Herz-Essenz.
Beim Aufscheinen der Zeichen der selbstentstandenen Ḍākinī der drei Kāyas
brachten sie ein Maṇḍala aus Gold und Türkis dar
und gaben, ohne einen Moment des Zögerns, ihren eigenen Körper, sowie Sprache und Geist.
„Erhabener Guru, der du die drei Zeiten kennst –
nun, in diesem exzellenten Zeitalter, sind wir vom Glück bedacht.
Doch künftig, während des letzten 500 Jahre andauernden Zeitalters,
wird eine Woge des Leidens über die Wesen hereinbrechen.
Ist dieser Zeitpunkt gekommen, werden wir – der König, der Untertan und die Gefährtin –
dank deines Mitgefühls, verehrter Meister, Befreiung erlangt haben.
Dessen ungeachtet werden wir, zum Wohle derer, die es zu zähmen gilt,
wieder und wieder in den Schoß der Existenz eintreten
und fähige und reine Schüler
zu höheren Bereichen geleiten.
Allwissender Guru, wir bitten dich, offenbare uns,
die wir nun hier versammelt sind,
die Beschaffenheit der Orte, an denen die Lehren verkündet werden,
und die Umstände, unter denen sie gelehrt werden.“
So brachten sie von glühender Hingabe erfüllt ihre Bitte vor.
Der Meister legte Vairotsana seine rechte Hand auf,
seine linke Hand auf das Haupt der Dame
und seine Stirn an die des Dharma-Königs. Daraufhin sprach Padmasambhava:
„Ihr Glücklichen – König, Untertan und Gefährtin, hört mich an!
In der Zukunft, während der letzten fünfhundert Jahre,
sind die Ursachen für das Schwinden des Verdienstes der Wesen
die Zerstörung und Entweihung von Darstellungen der Drei Juwelen;
Dharma-Praktizierende werden verspottet und bösartige Menschen gepriesen werden;
insbesondere werden solch barbarische Dämonen wie die neun Brüder
in die Herzen der Wesen eindringen und zu den schlimmsten Handlungen anstacheln;
auch werden sie die Herzen großer Wesen vereinnahmen und sich als Gurus ausgebend ihre Schüler irreführen;
als Herrscher […][2] die Wesen ihres Glückes berauben;
und sich als Mönche ausgebend werden sie jene, die den Dharma lehren, ruinieren.
Zu diesem Zeitpunkt wird eine Emanation des Dämonen Namthil
aus dem Osten[3] kommen und sich in den Westen aufmachen.
Er wird der Regierung Zentraltibets[4] den Dharma lehren
und all jene mit kümmerlichem Verdienst
werden ihm verfallen und den Wunsch hegen, seinen Unterweisungen zu folgen.
Affen werden das Feuer stehlen und Si-Geister werden Unheil stiften.[5]
Die Federn auf den Köpfen der Vögel werden am Himmel Feuer fangen.
Hunde werden die Säcke der Mamos voller Seuchen schultern.
Wildschweine werden den Boden durchwühlen und die Felder verwüsten.
Mäuse werden die Menschen täuschen und ihnen den Verstand rauben.
Stiere werden ihre Hornenden an Steinen wetzen.
Im Tiger-Jahr wird ein See aus Gift brodeln.
Drei […] in Tigerfell gekleidet
[…] dies sind die Zeichen, die der Guru aufzeigte –
Zu jener Zeit, wenn diese Zeichen offenbar sind, wird jemand mit unbefangenem Mitgefühl,
eine Emanation meiner selbst,
wie in den verborgenen Schriften der geheimen Prophezeiungen beschrieben,
die Verantwortung für das Wohlergehen der Lehren und der Wesen auf sich nehmen.
Zu jener Zeit werdet ihr – der König, der Untertan, die Gefährtin,
Vimalamitra und Gyalse Lharje,[6]
aufgrund eurer Wunschgebete und eures Mitgefühls, auf die Emanation eines Bodhisattva
mit dem Namen Rangjung Dorje Pema Wang treffen,
dessen geheimer Name Garwang Jigme Lingpa ist.
Seine Verwirklichung und Befreiung werden zeitgleich eintreten, und er wird der Hüter der Geistschätze sein.
Zum Zeichen, dass er unter der mitfühlenden Obhut der Edlen steht,
wird die Fläche seiner rechten Hand das Auge eines Lotos tragen.
Da er ein Vidyādhara der außerordentlichen Buddha-Familie der erleuchteten Sprache ist,
wird sein Daumen mit der Lebenskraft-Silbe hya (ཧྱ) markiert sein.
Als Zeichen dafür, dass er durch die Weiten der Verwirklichung gleitet,
werden seine Zähne von der ungeborenen Silbe a (ཨ) gezeichnet sein.
Er wird von großem Mitgefühl erfüllt und scharfsinnig sein.
Er wird tiefe Einsicht besitzen und nur wenig Greifen.
Obgleich seines Geistes wahre Absicht im Verborgenen bleibt, werden seine Worte voller Kraft und sein Intellekt tiefgründig sein.
Sein Handeln wird vielseitig sein und er wird die verschiedensten Taten vollbringen.
Mit seinem furchtlosen yogischen Auftreten,
unerschrocken, wird die Wahrnehmung durch seinen prachtvollen Glanz geblendet.
Durch seinen Weisheitsgeist wird er tatsächliche Schätze
oder Geistesschätze enthüllen.
In Visionen oder in Träumen
werde ich ihm erscheinen und die letztendliche Ermächtigung gewähren.
Ich werde den Segen meines Weisheitsgeistes auf ihn übertragen.
Ich – der Lotosgeborene – und dieser Vidyādhara
sind eins in Geist und Stimme.
In den Tiefen seiner Verwirklichung wird die Intention aller Fahrzeuge aufscheinen.
Die Vidyādharas, Helden und Ḍākinīs
werden ihn dreifach ermutigen.
Zu dieser Zeit wird er, mit dem Dhāraṇī des unfehlbaren Gedächtnisses
und dem entscheidenden Schlüssel der sechs Nägel betraut,
die Schätze der klaren Weite der Weisheit enthüllen.
Symbole, Zeichen und Herzensschätze werden sich in einer Schatulle sammeln.
Wenn er über mich, Padma, auf dem Scheitel seines Kopfes meditiert,
wird das Zeichen der unerschöpflichen Himmelsschatzkammer freigesetzt
und sich in die geheimen Zeichen der Ḍākinīs verwandeln.
Jegliche Fabrikationen und Abwandlungen werden beseitigt.
Sieben Jahre lang wird er dies in einer Schatulle verborgen aufbewahren.
Am zehnten Tag des Affen-Monats im Affen-Jahr
wird er mir, Padma, von Angesicht zu Angesicht begegnen
und ich werde Hindernisse beseitigen und ihm meinen Segen gewähren.
Zu jener Zeit werdet ihr, die ihr hier nun versammelt seid,
unter seinen reinen Schülerinnen und Schülern sein.
In den unterschiedlichen Regionen Indiens, Tibets und Zentraltibets
werden manche von euch als große Wesen, Lehrer und Anführer auftreten,
manche als Yogis, sorglose Zerstörer von Illusionen,
und ein paar als gewöhnliche Leute und gemeines Volk.
Unaufhörlich werdet ihr verschiedene Arten des Handelns aufzeigen.
Ihr alle werdet Geburtsmale aufweisen.
Als Ergebnis eures Karmas werdet ihr Hingabe besitzen.
Und insbesondere werden, aufgrund der Kraft ihrer gegenwärtigen Wunschgebete,
die Emanationen von Namkhe Nyingpo, Nyang Ben Tingdzin Zangpo, Gyalwa Chokyang
und Lhase die Tore zum Dharma aufwerfen.[7]
Zu jener Zeit werden sie die spirituellen Anweisungen im Geheimen weitergeben.
Obwohl der Geist des Königs
und der seiner Erben jetzt so rein wie der Himmel sind,
werden die Königin, durch Verführung und Täuschung,
und böswillige Minister, begabt in der Irreführung,
wieder und wieder die tiefgründigen, glückverheißenden und wechselseitig abhängigen Umstände
für das große Wesen Padmasambhava
sowie für die emanierten Übersetzer, Gelehrten und erhabenen Wesen durchkreuzen.
Wenn dann die Zeit kommt, den Wesen zu nutzen,
werden eine Vielzahl widriger Umstände in Erscheinung treten.
Insbesondere werden mannigfaltige Emanationen
Anhänger der dämonischen Minister und Samaya-brechenden Si-Geister,
die die Güte des Gurus und die Samayas mit Füßen treten.
Die dämonische, affenköpfige Königin Margyen[8]
wird zu Beginn freundlich und respektvoll sein,
doch dann ihre Samayas über Bord werfen,
und so werden letztlich Streitigkeiten und Skandale überhandnehmen.
Ohne den Schutz der Mantra-Schützerin
wird selbst eine Lebensspanne von hundert Jahren auf wenige Tage verkürzt.
Derzeit vermehren die fünf mit vorteilhaftem Karma,
die Königin Ngangtsul Gyalmo Tsün von Pho-gyong
und Dhātviśvarī, die Ḍākinī Ekajaṭī,
das spirituelle wie auch das weltliche Wohl.
Jene namens Vajra Ratna Dharma Wang
und Śrī Āyurjñāna
werden von Hingabe, Mitgefühl und Großzügigkeit erfüllt sein.
Sie werden Geburtsmale an den Stellen der fünf Familien aufweisen.
In Zentraltibet, im nördlichen und südlichen, oberen und unteren,
werden nach und nach Schülerinnen und Schüler in Erscheinung treten.
Sie werden diesen Dharma praktizieren und bewahren.
In seinem 37. Jahr, einem Hindernis-Jahr, wird Jigme Lingpa auf viele Schwierigkeiten treffen.
Wenn er 40 und drei Fünftel Jahre alt ist,
bricht er möglicherweise zu einem reinen Bereich auf.[9]
Er sollte in den drei Tempeln[10] Opfergaben darbringen,
an Orten der Verwirklichung Feueropfer, Festopfer und Erfüllungsopfer darbringen
und sich mit den Weisheits-Ḍākinīs der fünf Familien
in den Verjüngungspraktiken[11] von Glückseligkeit-Leerheit üben.
Er sollte sehr darauf bedacht sein, keine Samayas zu brechen, und Verunreinigung durch Streitigkeiten zu meiden.
Zu jener Zeit sollte er, was auch immer geschieht, ob Gutes oder Schlechtes,
ohne sich an Sicht und Handeln anderer anzupassen,
seinen Geist auf mich, Padmasambhava, ausrichten,
sich darin üben, alle Phänomene als Träume anzusehen,
und die yogische Disziplin der Weisheit der Lichtheit entwickeln.
Er sollte Stolz und Unsicherheiten niedertrampeln,
durch gefährliche Orte streifen, Feuer- und Festopfer darbringen
sowie die Rituale für Erfüllung und Bekenntnis und die Wünsche der Gottheiten erfüllen.
Tut er all dies, so verspreche ich, werden Hindernisse beseitigt.
Sind die wechselseitig abhängigen Umstände und Samayas in Harmonie,
besteht die Möglichkeit, dass er sein fünfzigstes Lebensjahr erreicht.
Über kurz oder lang wird seine Langlebigkeit
vom Glück und Verdienst seiner Schüler abhängen.
Doch selbst wenn sich Samaya-Brüche und falsche Sichtweisen häufen,
wird sich sein Ruhm im gesamten Land ausbreiten,
so wie Hände nicht die aufgehende Sonne verdecken können.
Am Ende der Zeiten wird sein Licht umso strahlender leuchten.
In der letzten Ära der Lehre werden seine Lehren sich weithin verbreiten.
Selbst auf den Geist prophezeiter großer Wesen
können niederträchtige Dämonen Einfluss nehmen.
Schüler werfen ihre Samayas um des Essens und Reichtums willen beiseite.
In der Öffentlichkeit mag ihre aufgesetzte Hingabe scheinbar strahlen,
doch hinter dem Rücken der anderen schlagen sie die Trommel falscher Sichtweisen.
So gleicht er einem Juwel unter gewöhnlichen Steinen.[12]
Wenn die Heerscharen der Mutter-Ḍākinīs verzweifeln,
werden sie dich, Jigme Lingpa, über den Pfad des schillernden Lichts
in die nächste Welt führen, ohne dass dies verhindert werden könnte.
Geburt und Tod sind nichts als eine Illusion oder ein Traum.
Ohne jegliches Zweifeln oder Zögern
macht euch auf zum Kupferfarbenen Berg in Cāmaradvīpa!
Lass uns das Aufeinandertreffen von Vater und Sohn feiern!
Samaya!“
So sprach Padmasambhava. Yeshe Tsogyal, gestützt auf ihr unfehlbares Gedächtnis,
getragen vom Bodhicitta des Dharmakāya,
schrieb die symbolischen Texte auf selbstentstandene gelbe Schriftrollen
aus fünffarbigem Licht nieder.
Sie bewahrte sie in der Schatzschatulle des Herzens der Lichtheit auf,
verlieh Bestrebens-Ermächtigungen und versiegelte sie.
Als die Zeit gekommen war, zu der ihre Wunschgebete Früchte trugen,
überreichte die Weisheits-Ḍākinī des allumfassenden Raumes
die symbolischen Texte des Longchen Nyingtik an Jigme Lingpa,
als günstige Voraussetzung für das Erwachen seiner gewohnheitsmäßigen Tendenzen.
Sollten sich die richtigen Ursachen und Bedingungen nicht einstellen,
kann es trotzdem enthüllt werden, doch werden Hindernisse allgegenwärtig sein.
Ermutigt durch die Schriften der entschlüsselten Symbole
und nachdem die Heerscharen der Ḍākinīs mit Fest-Opfern erfreut wurden,
werden sich die Texte in unbezwingbare Vajra-Melodien verwandeln.
Samaya!
Siegel, Siegel, Siegel!
Siegel der Geheimhaltung.
Garwang Jigme Lingpa entzifferte diesen Text, den zentralen prophetischen Leitfaden, der einem wunscherfüllenden Juwel gleichkommt und anderen nicht gezeigt werden sollte, aus den geheimen, symbolischen Texten der Ḍākinīs.
| Übersetzung von Han Kop, überarbeitet von Matthias Staber und editiert von Barry Cohen, 2024, für das Longchen Nyingtik Project. Mit Dank an Lama Sherab Tharchin aus Dodrupchen, Lama Pema Wangchen aus Mindroling und Khenpo Sonam Tsewang aus Namdroling. Ins Deutsche übersetzt von Theresa Bachhuber, 2026.
Bibliografie
Tibetische Editionen
'jigs med gling pa mkhyen brtse 'od zer. "gnad byang thugs kyi sgrom bu" In gsung 'bum/_'jigs med gling pa/ sde dge par ma. BDRC W27300. Gangtok, Sikkim: Pema Thinley für Dodrupchen Rinpoche, 1985. Bd. 7: 71–78.
Sekundärliteratur
Goodman, Steven D. "Rig-'dzin 'Jigs-med gling-pa and the Klong-Chen sNyingThig", in Davidson, Ronald M. und Goodman, Steven D. (Hrsg.), Tibetan Buddhism: Reason and Revelation. New York: SUNY Press, 1992. S.133–207.
Gyatso, Janet. Apparitions of the Self: The Secret Autobiographies of a Tibetan Visionary (A Translation and Study of Jigme Lingpa's Dancing Moon in the Water and Dakki's Grand Secret Talk). Princeton, N.J.: Princeton University Press, 1999.
McClellan, Joseph. "Margyel Dongkar," Treasury of Lives, aufgerufen am 03. November 2024, https://treasuryoflives.org/biographies/view/Margyel-Dongkar/13853.
Version: 1.1–20260628
Anmerkungen
-
Damit sind König Tri Songdetsen, der Übersetzer Vairotsana und die Gefährtin Yeshe Tsogyal gemeint. ↩
-
Der tibetische Text verwendet Chiffren und kann an dieser Stelle nur schwer entziffert werden. ↩
-
Aus Kham, in Osttibet. ↩
-
Utsang. ↩
-
Lama Sherab Tharchin erklärt, dass damit Geister gemeint sind, die wieder und wieder den Tod von Kindern verursachen. ↩
-
Ein Sohn des Prinzen Mutik Tsenpo. ↩
-
Die Inkarnation von Namkhe Nyingpo war Nyangtön Trati Ngakchang Rikpe Dorje (genannt Kongnyön Bepe Naljor), die Inkarnation von Nyang Tingdzin Zangpo war Lopön Jigme Kundrol aus Bhutan, die Inkarnation von Gyalwa Chokyang war Thekchen Lingpa Drodon Tharchin (Drime Lingpa, 1700–1776) und die Inkarnation von Lhase (Prinz Murub Tsenpo) war Dodrupchen Jigme Trinle Özer. Siehe Tulku Thondup, Masters of Meditation and Miracles, S. 133. ↩
-
Eine der Königinnen von König Tri Songdetsen. Siehe https://treasuryoflives.org/biographies/view/Margyel-Dongkar/13853. ↩
-
Anders gesagt, er könnte sterben. ↩
-
Die drei Tempel sind Lhasa, Samye und Tradruk. ↩
-
Tib. bcud len, Skt. rasāyana. ↩
-
„Juwel“ bezieht sich auf Jigme Lingpa und „Steine” auf die Schüler mit schlechtem Betragen. ↩
