Anweisungen für die Bardos

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Longchen Rabjam

Longchen Rabjam

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Wesentlicher Rat: Ein vollständiger Satz von Anweisungen für die Bardos

von Longchen Rabjam

Zu Füßen des ehrwürdigen Meisters erweise ich respektvoll Verehrung!

Obwohl du dieses Leben mit den Freiheiten und Vorteilen erlangt hast, wird es nicht von Bestand sein.
Deshalb merke dir diese Anweisungen für den Zeitpunkt des Todes.

Jetzt, während dieser zwischenzeitlichen Phase des Bardos dieses Lebens,
entscheide mit vollständiger Gewissheit, dass die Weisheit deines eigenen Gewahrsein der Dharmakāya ist,
und indem du die fortlaufende Erfahrung seiner Eigenstrahlung aufrecht erhältst, die natürlich klare Meditation,
wird alles die natürlich entstehende Weisheit nur verstärken!

Während des Bardo des Sterbens, wenn sich die vier Elemente auflösen,
wirst du illusionsgleiche Erfahrungen von Aufstieg und Fallen, Zittern und Verschwommenheit machen,[1]
und die der Auflösung von Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum.
Die Sinne werden erliegen. Zu dieser Zeit, erinnere dich daran:
„Jetzt sterbe ich, ich muss mich nicht fürchten.“
Untersuche: „Was ist der Tod? Wer stirbt? Wo findet das Sterben statt?“
Der Tod ist nur das Zurückgeben geborgter Elemente.
Angesichts Rigpa selbst gibt es weder Geburt noch Tod.
In der Form des Dharmakaya[2] der ursprünglichen Reinheit selbst, der Einheit von Rigpa und Leerheit,
untersuche: „Was ist der Tod? Wer stirbt? Wo findet das Sterben statt?“
Da Sterben nirgendwo existiert, ist es völlig irreal.
Erwecke Mut und Vertrauen darin.
Rigpa erhebt sich völlig ungehindert.
Erde, Wasser, Feuer, Wind und Bewusstsein lösen sich in den Raum auf.
Wenn der Raum sich in reine Lichtheit auflöst,
lösen sich die sechs Arten von Bewusstsein in den Grund von Allem auf, den Dharmadhātu;
wenn Gewahrsein sich vom Unbelebten trennt, ist da die Erfahrung reinen Gewahrsein, frei von Phänomenen.
Getrennt vom gewöhnlichen Geist, dämmert die große ursprüngliche Reinheit des Dharmakāya auf.
Dadurch, dass du das hier und jetzt durch Übung erkannt hast,
wirst du direkt befreit sein, in einem einzigen Augenblick,
und den Dharmakāya der zweifachen Reinheit erlangen.

So scheint sie auf, doch solltest du sie nicht erkennen,
werden sich darauf Erscheinungen klaren Lichts – Manifestationen des Grundes – erheben.
Klänge, Lichter und Farben, Friedvolle und Zornvolle erfüllen den Raum.
Indem du all diese Erscheinungen als Rigpas Eigenstrahlung erkennst,
wirst du im ursprünglichen Zustand befreit sein und erwachen.
Deshalb ist es wesentlich, alles als inhärente Ausstrahlung zu erkennen.
Durch das Erkennen der Essenz wirst du Erleuchtung erlangen.

So erhebt sich alles, doch solltest du es nicht erkennen,
wird der traumgleiche Bardo des Werdens aufdämmern.
Zu dieser Zeit werden einige, indem sie sich eines reinen Landes entsinnen
und Zuflucht zum Lama und zur Yidam-Gottheit nehmen,
Freiheit in einem reinen Buddhabereich erlangen,
und andere die sieben Qualitäten der Geburt in einem höheren Bereich,
wodurch ihnen Befreiung im nächsten Leben gelingt.

Daher wird diese äußerst tiefgründige Essenz von Anweisungen –
als legte man ihnen Buddhaschaft in die offene Hand –
meine glücklichen Herzensschüler erfreuen.
Dies hat der Yogin der Natürlichen Großen Vollkommenheit,
Longchen Rabjam Zangpo, niedergeschrieben.

Mögen durch dieses Verdienst alle Wesen, die so zahlreich sind wie der Himmel weit,
völlige Erleuchtung im ursprünglichen Bereich erlangen!

Diese vollständige Anweisung für Sterbende, eine geheime, unübertroffene Einführung, wurde vom Erben der siegreichen Buddhas, Drimé Özer, aufgrund der Bitten von hingebungsvollen Schülern verfasst, in der abgeschiedenen Einsiedelei von Khothang Rinchen Ling.

| Englische Übersetzung Adam Pearcey, 2010. Mit vielem Dank an Alak Zenkar Rinpoche and Patrick Gaffney. Tulku Thondup Rinpoches Friedliches Sterben – Glückliche Wiedergeburt (Windpferd, 2008) enthält eine teilweise Übersetzung dieses Textes, der auf Tibetisch bar do'i gdams pa tshangs sprugs su gdab pa gnad kyi man ngag genannt wird. Deutsche Übersetzung Robert Heinz, lektoriert von Karin Behrendt.


  1. Phya phyo bedeutet eine Empfindung von starken Aufwärts- und Abwärtsbewegungen. Yam yom ist die Empfindung, stark hin und her geschüttelt zu werden. Ban bun heißt unscharf oder verschwommen. (Alak Zenkar Rinpoche)  ↩

  2. Seine Form selbst ist Nicht-Form. (Alak Zenkar Rinpoche)  ↩