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ISSN 2753-4812
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Eine Anweisung über die Sicht im Mahāyāna

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Eine Anweisung über die Sicht im Mahāyāna

Eine Klarstellung der zwei Wahrheiten

von Patrul Rinpoche

Für diejenigen, die nach Befreiung streben, gibt es I. die Belehrungen darüber, was es zu verwirklichen gilt und II. die Belehrungen darüber, wie dies in die Praxis umzusetzen ist.

I. Die Belehrungen darüber, was es zu verwirklichen gilt

Hier gibt es zwei Themen: 1. der natürliche Zustand aller Wissensobjekte im Allgemeinen und 2. der natürliche Zustand des eigenen Geistes.

1. Der natürliche Zustand aller Wissensobjekte

Hier gibt es ebenfalls zwei unterschiedliche Aspekte: a) den relativen und b) den absoluten.

a) Der relative Aspekt

Allgemein gesprochen sind alle Erscheinungen – von der tiefsten Hölle äußerster Qualen bis einschließlich der Erfahrung in der Nachmeditation von Bodhisattvas auf dem zehnten Bhūmi – relativ.

Desweiteren wird auch zwischen einem fehlerhaften bzw. inkorrekten und einem korrekten Relativen unterschieden.

Alles, was wir wahrnehmen, bevor wir den Pfad einschlagen, fällt in die Kategorie des fehlerhaften Relativen. Wenn wir die Stufe des „bestrebenden Verhaltens“[1] erreicht haben und wir eine gewisse Verwirklichung in unsere Erfahrung einbringen können, wird es zum fehlerfreien, korrekten Relativen. Doch wann immer wir dies nicht tun, handelt es sich um das fehlerhafte, inkorrekte Relative. Haben wir einmal die Bhūmis erreicht, sind alle Erscheinungen des Geistes korrekte relative Wahrheit – „relativ“, da „bloße Erscheinungen“ noch nicht aufgehört haben, und [„korrekt“ oder „fehlerfrei“], da ihre Fehlerhaftigkeit direkt gesehen wird. Diese Erscheinungen hören auch vom ersten bis zum zehnten Bhūmi nicht auf, sich zu erheben, weil man die uralte Gewohnheit, Dinge als wirklich wahrzunehmen, noch nicht aufgegeben hat, so wie Moschusduft noch lange in einem Behälter haften bleibt. Sind diese gewohnheitsbedingten Tendenzen auf der Stufe der Buddhaschaft schließlich vollständig ausgemerzt, gibt es keinerlei dualistische Wahrnehmungen mehr, und man verweilt ausschließlich im Zustand des Absoluten, jenseits aller konzeptuellen Ausführlichkeit.

Daran festzuhalten, dass die gewöhnliche Welt – sowohl die äußere Umgebung als auch die darin enthaltenen Wesen – Wirklichkeit besitzen, entspricht der fehlerhaften relativen [Wirklichkeit]. Das Gegenmittel dazu – z.B. alle Wesen als reine Gottheiten und die Umgebung als den reinen Maṇḍala-Palast zu visualisieren, während man sie gleichzeitig als bloße Illusion erkennt – ist die korrekte relative [Wahrheit].

b) Der absolute Aspekt

Die essentielle Natur des Absoluten ist der grundlegende Raum der Phänomene (Dharmadhātu), frei von jeglicher konzeptuellen Ausführlichkeit. In seiner Essenz gibt es keine Unterteilungen, aber man kann von „Unterteilungen“ auf der Basis sprechen, ob diese Wirklichkeit verstanden wurde oder nicht. So unterteilt man das Absolute in die grundlegende Natur selbst und das Erkennen (oder das „ersichtlich Machen“) dieser grundlegenden Natur. Dann gibt es wiederum die Unterteilung in das Absolute, das durch Studium und Reflexion verdeutlicht wird,[2] und das Absolute, das durch die Praxis der Meditation erfahren wird; oder das Absolute, das von gewöhnlichen Wesen konzeptuell hergeleitet wird, gegenüber dem Absoluten, das für edle Wesen direkt erfahrbar ist. Darüber hinaus gibt es auch noch eine Unterteilung in das konzeptuelle Absolute (namdrangpe döndam) und das Absolute jenseits von Konzepten (namdrang mayinpe döndam).

Wir können diese zwei Wahrheiten auf drei Weisen erfahren:

  • Auf der Stufe gewöhnlicher Wesen werden Erscheinungen als innewohnend wirklich angesehen und mit Greifen wahrgenommen. Dies wird das fehlerhafte Relative genannt.

  • Auf der Stufe edler Wesen werden Erscheinungen als trügerisch erkannt und ohne Greifen wahrgenommen. Dies wird als das korrekte Relative bezeichnet.

  • Auf der Stufe der Buddhaschaft existieren weder gewöhnliche Erscheinungen noch nicht-Erscheinungen in irgendeiner Form, und die Frage des Greifens oder Nicht-Greifens stellt sich hier nicht mehr. Dies wird das Absolute genannt.

Anders ausgedrückt gibt es auf der ersten Stufe sowohl Erscheinungen als auch Greifen, die mittlere Stufe weist bloße Erscheinungen ohne Greifen auf, und auf der letzten Stufe existieren weder Erscheinungen noch Greifen.

Diese drei Stufen sind auch als „Fehlverständnis“, „Kenntnis des Relativen“ und „Kenntnis des Absoluten“bekannt. Im Fall von gewöhnlichen Wesen entsteht die Kenntnis des Relativen durch geistige Analyse, doch edle Wesen erreichen sie durch direkte Wahrnehmung.

Obwohl konventionelle Begriffe wie „Kenntnis“ und „Unkenntnis“ sich nicht auf den grundlegenden Raum der Wirklichkeit selbst anwenden lassen, können wir dennoch Ausdrücke wie „Kenntnis“ oder „Begreifen“ benutzen, wenn wir uns auf das Erkennen dieses Zustandes beziehen.

Letztlich müssen wir die Untrennbarkeit der zwei Wahrheiten erkennen, aber die Behauptung, dass sich das Relative auf Existenz bezieht, wohingegen die Dinge auf der Ebene des Absoluten nicht existieren würden, kann nicht als Sicht des mittleren Weges bezeichnet werden. Verstehen wir die eine wahre Natur des korrekten Relativen, werden die zwei Wahrheiten untrennbar miteinander verschmelzen, jenseits der konzeptuellen Extreme wie Existenz, Nicht-Existenz, Dauerhaftigkeit und Nichts. Wie es in der Mutter Prajñāpāramitā steht:

Die wahre Natur des Relativen ist die wahre Natur des Absoluten.

Die Unterteilung in zwei Wahrheiten ist nur ein vorläufiges Hilfsmittel, das auf der unterschiedlichen Sichtweise zweier Geisteszustände beruht und ein leichteres Verständnis ermöglichen soll. All die verschiedenen Dinge, die man in einem verwirrten Geisteszustand wahrnimmt, werden „relativ“ genannt, wohingegen „absolut“ sich auf einen Geisteszustand bezieht, in dem Verwirrung aufgehört hat und es nicht die geringste Spur einer konzeptuellen Ausrichtung gibt, nicht einmal auf nicht-Existenz selbst. Wie es heißt:

Wenn die Vorstellungen von wirklich und unwirklich im Geist abwesend sind besteht keine andere Möglichkeit als in völligem Frieden, jenseits von Konzepten, zu ruhen.[3]

In Wirklichkeit gibt es innerhalb der großen, nicht-konzeptuellen Einfachheit des Bereichs des Absoluten– der letztendlichen Natur, die es zu verstehen gilt – keine Grundlage für eine Unterscheidung zwischen zwei Ebenen der Realität, und somit existiert eine solche Aufteilung auch nicht. Auch in der endgültigen Verwirklichung der Buddhaschaft gibt es keine Aufteilung in zwei Ebenen der Wahrheit. Selbst die verblendeten Erscheinungen, die wir hier und jetzt wahrnehmen, bestehen nicht aus zwei unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit; sie sind einfach die untrennbare Einheit von Erscheinung und Leerheit bzw. Gewahrsein und Leerheit.

Dies zu erkennen bzw. vollständig zu verstehen entspricht dem Weisheitsgeist eines Buddha, dem nicht-dualen, reinen Gewahrsein der Wirklichkeit selbst. Indem man beide Wahrheiten einzeln versteht, werden sie letzten Endes zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen, und dies bezeichnen wir als „die nicht-duale Weisheit der Einheit“ oder „nicht verweilendes Nirvāṇa“ und dergleichen.

2. Der natürliche Zustand des eigenen Geistes

Wir mögen auf diese Weise vielleicht den natürlichen Zustand aller Wissensobjekte verstehen, doch wenn wir den natürlichen Zustand des wissenden Subjekts, das heißt unseres eigenen Geistes, nicht verstehen, bleiben alle Phänomene Objekte des Wissens und können uns daher nicht als Gegenmittel für unser geistiges Leiden dienen. Vielmehr wird genau dieses Verständnis zu Arroganz und Einbildung führen und unser Gefühl, ein persönliches Selbst zu besitzen, nur verstärken. Aus diesem Grund müssen wir die eigentliche Natur desjenigen erkennen, der das Verständnis besitzt – diesen Verstand bzw. Geist oder dieses Bewusstsein.

Hier gibt es zwei Aspekte, in denen wir a) ein vorläufiges Verständnis der zwei Wahrheiten gewinnen und b) ein letztendliches Verständnis gewinnen, in dem die Wahrheiten untrennbar sind.

a) Das vorläufige Verständnis der zwei Wahrheiten

Gelangen wir zu einem Verständnis des natürlichen Zustands der Phänomene im Allgemeinen und erkennen, dass sie auf der relativen Ebene einer Illusion gleichen, weil sie in Erscheinung treten, obwohl sie nicht wirklich existieren, auf der absoluten Ebene aber dem Raum gleichen, weil sie weder als existent noch als nicht-existent etabliert werden können, und verstehen wir außerdem, dass die Wahrheiten innerhalb des großen mittleren Weges letztendlich untrennbar sind – der absolute Raum jenseits aller konzeptuellen Extreme – ist der Geist bzw. das Gewahrsein, das dieses Verständnis besitzt, relativ. Wie Śāntideva sagte:

Das Absolute liegt außerhalb der Reichweite des Intellekts, denn, so wird es gelehrt, der Geist ist lediglich relativ.[4]

Ein intellektueller Geist, der ein solches Verständnis besitzt, kann arrogant und eingebildet werden. Diese Form von Arroganz und Einbildung sind das Werk Māras und werden unser Verständnis bloß verderben. Wie es im Sūtra, das den unvorstellbaren Bereich der Buddhas enthüllt heißt:

So genanntes „Erlangen“ ist in der Tat kurzlebig, und so genannte „Verwirklichung“ ist eine überhebliche Anmaßung. Als kurzlebige oder überhebliche Anmaßung muss es das Werk Māras sein. Wer denkt, „Ich habe dies erlangt.“ oder sich sagt, „Ich habe vollkommen verstanden“, ist überaus anmaßend.

Die Natur des relativen Geistes, der da versteht, ist das Absolute. Schauen wir in genau jene Natur dieses verstehenden Gewahrseins oder Geistes bzw. Intellekts, können wir absolut nichts finden, das wirklich oder von Substanz wäre. Vielmehr ist [dieser Geist] seit jeher frei von jeglicher Existenz und nicht-Existenz, frei von Entstehen und Vergehen, Kommen und Gehen, Dauerhaftigkeit und Nichtsheit, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und entspricht daher der absoluten Realität.

Im Sūtra, das von Kāśyapa erbeten wurde, heißt es:

Der Geist lässt sich nicht im Innen finden, noch existiert er im Außen, und man kann ihn auch nirgendwo anders wahrnehmen.

Im Sūtra, das von Maitreya erbeten wurde, steht:

Der Geist hat keine Gestalt, Farbe oder Aufenthaltsort. Er ist wie der offene Raum.

b) Das letztendliche Verständnis, in dem die Wahrheiten untrennbar sind

In der letztendlichen Natur des Geistes sind die zwei Wahrheiten untrennbar eins. Die Anwendung der zwei Wahrheiten auf die eine Natur des Geistes ist lediglich ein provisorischer Einsatz von Bezeichnungen bzw. Begriffen. Innerhalb des Grundes oder des absoluten Raumes der Wirklichkeit gibt es keinen gewöhnlichen Geist, und somit existiert auch keine Basis, auf deren Grundlage sich die zwei Wahrheiten anwenden ließen. Auch zum Zeitpunkt der Frucht, dem Weisheitsgeist der Buddhaschaft, gibt es keinen gewöhnlichen Geist, und somit lässt sich dieser ebenso wenig anhand der zwei Wahrheiten bezeichnen. Selbst in der Klarheit und Leerheit, die die Natur des Geistes von verwirrten fühlenden Wesen ist, lässt sich diese [Unterscheidung] nicht finden, weil es hier lediglich Gewahrsein und Leerheit gibt. Aus diesem Grund müssen wir erkennen, dass die zwei Wahrheiten untrennbar sind.

Und trotzdem, weil die Untrennbarkeit der zwei Wahrheiten nur erkannt werden kann, wenn wir ihre jeweiligen Merkmale verstanden haben, hat diese Aufteilung in zwei trotzdem seinen Zweck.

Auf diese Weise verschmilzt die nicht-konzeptuelle Einfachheit, die den natürlichen Zustand aller Wissensobjekte ausmacht, und wird untrennbar eins mit der nicht-konzeptuellen Einfachheit des natürlichen Zustands des Geistes. Innerhalb dieser Erfahrung, die frei von jeglicher Vorstellung eines individuellen Selbst oder eines Selbst der Phänome ist, erkennt man, dass alle äußeren und inneren Phänomene dem ungeschaffenen Raum gleichen, frei von jeglicher Art konzeptueller Konstruktionen wie existent, nicht-existent, dauerhaft oder nichts und dergleichen, und dennoch befindet sich diese Erfahrung jenseits der Dualität von etwas, das gesehen bzw. erkannt wird und jemandem, der sieht bzw. erkennt. Deshalb ist dies vollkommenes, fehlerloses Erkennen.

II. Die Belehrung darüber, wie dies in die Praxis umzusetzen ist

Dieser Abschnitt besteht aus zwei Teilen.

1. Die direkte Praxis für jene mit den scharfsinnigsten Fähigkeiten

Diejenigen, die in der Vergangenheit die zwei Ansammlungen angehäuft haben und über ausgesprochen gutes Karma verfügen und sehr begünstigt sind, können Verwirklichung allein dadurch erlangen, dass sie Anweisungen über die zwei Wahrheiten erhalten. In ihrem Fall reicht es aus, einfach den Fluss dieses Erkennens aufrecht zu erhalten. In ihrem meditativen Gleichmut, der frei ist von der Dualität des Erfassens und Erfasstem und jenseits jeglicher Vorstellung von einem Selbst, meditieren sie auf raumgleiche Weise, frei von konzeptuellen Ausführlichkeiten hinsichtlich der zwei Wahrheiten. Praktiziert man Meditation auf diese Art, existieren keine negativen Gedanken, die beseitigt werden müssen, und keine positiven Geisteszustände, auf die man sich ausrichten muss. Wie der Gebieter Maitreya sagt:

Hier gibt es weder etwas, das beseitigt, noch das Geringste, das hinzugefügt werden müsste. Es ist das vollkommene Hineinschauen in die Wirklichkeit selbst, und wenn die Wirklichkeit gesehen wird, vollständige Befreiung.[5]

Anschließend hält man [in der Zeit der Nachmeditation] die traumgleiche Erfahrung der Einheit der zwei Wahrheiten aufrecht, indem man erkennt, wie alles Wahrgenommene erscheint und gleichzeitig keine Wirklichkeit besitzt. Zugleich sammelt man, mit illusionsgleichem Bodhichitta, Liebe und Mitgefühl für alle illusions- und traumgleichen Wesen, die dies noch nicht erkannt haben, die zwei illusionsgleichen Ansammlungen an und macht umfangreiche Wunschgebete für ihr Wohlergehen.

2. Die stufenweise Praxis für jene mit geringeren Fähigkeiten

Jene mit geringeren Fähigkeiten müssen sich stufenweise üben, angefangen mit den vier Kontemplationen, die den Geist von Saṃsāra abwenden. Solange sie nicht auf diese Weise vorgehen, werden sie niemals über konzeptuelle Vorstellungen von tiefgründiger Verwirklichung hinausgelangen.

Es wird gesagt:

All unsere Gedanken und Wahrnehmungen sind relativ. Das Erkennen ihrer Natur ist das Absolute. Der Geist, der dies erkennt, ist das Relative. Die Abwesenheit einer wahren Realität des Geistes ist das Absolute. Die Begriffe, die die zwei Wahrheiten benennen, sind relativ. Das Fehlen einer wahren Realität solcher Begriffe ist das Absolute. Die nicht-Dualität dieser ist die Einheit der zwei Wahrheiten. In der Natur der Wissensobjekte und dem Weisheitsgeist der Buddhas kann selbst die Einheit der zwei Wahrheiten nicht wahrgenommen werden, und somit wird sie als „der absolute Raum jenseits von Ausführlichkeit“ bezeichnet. Darin lassen sich das Selbst der Individuen oder das Selbst der Phänomene nicht finden. Dies zu erkennen ist die Sicht. Darin zu verweilen ist Meditation. Die Ansammlungen aufgrund mitfühlender Sorge um andere aufzuhäufen ist Handlung. Die Auflösung dualistischer Wahrnehmung innerhalb des grundlegenden Raumes ist die Frucht. Alles durchdringende Weisheit repräsentiert erleuchtete Qualitäten. Und auf natürliche Weise den Nutzen anderer zu bewirken ist erleuchtetes Handeln. Ohne an Worte und Bezeichnungen zu hängen, als wären sie die eigentliche Bedeutung, richte den Geist stattdessen auf den Sinn, auf den die Worte lediglich hinweisen.

Der tatsächliche Geist, der die Phänomene erfährt, hat keine innewohnende Realität, und in dieser Hinsicht sagen wir daher, dass es kein Selbst gibt, kein fühlendes Wesen, kein Individuum, keinen Handelnden und so weiter. Sprechen wir in diesem Zusammenhang von „keinem“ oder „nicht-existent“, bedeutet das, dass Existenz nicht etabliert werden kann. Doch da Existenz nicht etabliert werden kann, lässt sich nicht-Existenz ebenfalls nicht etablieren, und somit bezeichnet der Ausdruck „kein“ die nicht-Etablierung von sowohl Existenz als auch nicht-Existenz.

Dieses Bewusstsein, das sein Objekt wahrnimmt, hängt nicht von den Sinnesfähigkeiten ab. Es wird nicht von Objekten erzeugt. Und es verweilt nicht irgendwo dazwischen. Es existiert weder innerlich noch äußerlich. Wenn es sich erhebt, kommt es nicht von irgendwo her, und wenn es endet, geht es nirgendwo hin. Es ist leer, wenn es entsteht, und leer, wenn es vergeht. Auf diese Weise wird es beschrieben. In den Sūtren lassen sich zum Beispiel Aussagen wie diese finden:

In diesem vollkommenen Sehen erscheinen keinerlei Phänomene.

Und in der Mutter Prajñāpāramitā heißt es:

Konzepte zu verfassen verwickelt einen in den Bereich der Begierde, der Form und den formlosen Bereich. Aber keine Konzepte zu verfassen ist mit keinem von ihnen auf irgendeine Weise verbunden.

In einem Sūtra steht:

Wenn keinerlei Handlung getätigt wird, ist das die so genannte „Handlung eines Yogī“.

Und:

Wenn man daher den gewöhnlichen Zustand, frei von allen Dharmas, aufrecht erhält, entspricht das dem höchsten Dharma.

In einem Sūtra heißt es:

Was ist das höchste Dharma? Es ist die Abwesenheit aller Vorstellungen von Dharmas.

In der Mutter Prajñāpāramitā heißt es:

Da kein Erwachen wahrgenommen werden kann, ist „Erwachen“ lediglich ein Name. Da keine Buddhaschaft festgestellt werden kann, ist auch diese nichts als ein Name.

Die Erkenntnis, dass es im raumgleichen, natürlichen Zustand aller Phänomene nichts gibt, das das Objekt des Bewusstseins bzw. der Weisheit sein könnte, ist die Sicht. In dieser Erkenntnis zu verweilen – in der Art und Weise des „Nicht-Verweilens“ – ist Meditation. In der Nachmeditation die illusorische Ansammlung von Verdienst für das Wohl von illusionsgleichen fühlenden Wesen zu erringen, ist Handlung. Die Auflösung der illusionsgleichen Wahrnehmungen des Geistes innerhalb des grundlegenden Raumes ist die letztendliche Frucht.

Der grundlegende Raum der Phänomene liegt jenseits von konzeptueller Ausführlichkeit und lässt sich nicht mit Worten oder Gedanken beschreiben. Hier gibt es kein Wissen um ein Erfassen eines Objekts, das erfasst werden kann. Dennoch wird von einer Praxis der Sicht und der Meditation gesprochen, als würde der Raum den Raum betrachten oder der Himmel über sich selbst meditieren. In der wahren Realität gibt es keinen Geist und keine Erscheinungen, aber „kein“ zu sagen weist darauf hin, dass sie sogar über die Gegensätzlichkeit von Existenz und nicht-Existenz hinausgeht.

Wenn ein Wesen sich nicht vor der tiefgründigen Bedeutung von Leerheit fürchtet sondern sich stattdessen von ihr inspiriert fühlt, wird dies als ein Zeichen dafür betrachtet, dass es begünstigt ist und die Belehrungen bereits zuvor gehört und sich darin geübt hat und dazu bestimmt ist, rasch Erwachen zu erlangen.

Die Wirklichkeit selbst, der himmelsgleiche, grundlegende Raum, frei von jeglichen Gedanken, in einem Zustand von ursprünglicher Weisheit jenseits von Worten erkannt, ist fundamentale Gleichheit, frei von (Nach)gedanken oder absichtlicher Aktivität. Dies ist der Weisheitsgeist der Buddhas der drei Zeiten. Das Absolute, die Natur der tatsächlichen Realität, gleicht dem Kind einer unfruchtbaren Frau, nichts kann sich manifestieren oder erscheinen[6]; es ist einfach ein Zustand der elementarsten Gewöhnlichkeit. Die bedingten Phänomene der relativen, magischen Erscheinungen der Einheit zu erfahren, ohne sie anzunehmen oder abzulehnen und ohne Anhaften, bedeutet, den Weisheitsgeist der Buddhas zu erfahren. Bis du diese Stufe geistiger Beherrschung und Errungenschaft erlangt hast, entsage jeder Anhaftung an materielle Besitztümer und verweile in einsamen Wäldern und Retreats wie ein Reh. So bleibst du auf dem Pfad, ohne jemals zurückzufallen. Verweile ohne Freude oder Kummer, Anhaftung oder Abneigung und dergleichen[7] hinsichtlich aller Umstände, äußeren wie inneren, günstigen und ungünstigen, und jede Erfahrung wird dir auf deinem Pfad sehr förderlich sein. So erreichst du eine beständige Erkenntnis der ungeborenen Natur der Phänomene. Wenn die Weisheit des Erkennens der himmelsgleichen Natur des Geistes und das Mitgefühl, das illusionsgleiche fühlende Wesen nicht im Stich lässt, in Sicht, verbunden mit Handlung, zusammen gebracht werden, wird die große, nicht-verweilende, ursprüngliche Weisheit rasch erreicht.

Im Nirvāṇa(-Sūtra) heißt es:

Leerheit bedeutet, weder „leer“ noch „nicht leer“ wahrzunehmen. Die natürliche Strahlkraft der Leerheit kann sich in jeglicher Erscheinung zeigen. Da sie leer ist, wenn sie erscheint, formen Erscheinung und Leerheit eine Einheit. Dies kann man nur verstehen, indem man nach innen schaut. Es liegt im Bereich deiner eigenen selbst-erkennenden Gewahrseins-Weisheit.

Machik Labdrön sagte:

Wenn du absolut gar nichts in Begriffe fasst, wie solltest du da fehlgehen? Vernichte deine Konzepte. Und ruhe.

Und:

Da der Geist keine Zweiheit ist, schaue, als gäbe es nichts zum Anschauen. Unser eigener Geist wird nicht durch ein „Schauen“ gesehen. Die Natur des Geistes selbst wird nicht erkannt, indem wir sie „sehen“. Tatsächlich gibt es nicht das kleinste Fünkchen von etwas, das sich anschauen ließe.

Die Natur des Geistes, leer und klar und jenseits einer konzeptuellen Ausrichtung, ist der natürliche, grundlegende Zustand. Da sich dieses reine Gewahrsein, das frei von konzeptuellen Fabrikationen ist und sich unmöglich genau festlegen lässt, unaufhörlich als die illusionsgleichen Erscheinungen erhebt[8], die sein grundlegender Ausdruck sind, müssen wir unser gesamtes Vertrauen in diesen Zustand jenseits von Anhaften setzen, einen Zustand, in dem keine Trennung zwischen Meditation und Nachmeditation existiert und in dem Klarheit und Leerheit eine Einheit bilden, und uns dies durch Praxis zu eigen machen.

Dies wurde von Patrul Rinpoche verfasst.

| Übersetzt von Jurek Schreiner, 2012, unter Mitarbeit von Karin Behrendt.


  1.  D.h. den Pfad des Ansammelns und den Pfad des Verbindens  ↩

  2. wörtl. „das Absolute, das von Fehlauffassungen über es anhand von Studium etc. befreit wurde“  ↩

  3. Bodhicaryāvatāra, Kapitel 9, Vers 34.  ↩

  4. Bodhicaryāvatāra, Kapitel 9, Vers 2.  ↩

  5. Das Ornament der klaren Verwirklichung, V, 21 sowie Erhabenes Kontinuum, I, 154. Es ist auch Vers 7 von Nāgārjunas Herz des abhängigen Entstehens.  ↩

  6. Im སི་ཁྲོན་མི་རིགས་དཔེ་སྐྲུན་ཁང། steht མི་བསམ།, in der Varanasi-Ausgabe མི་གསལ།. In der Varanasi-Ausgabe steht sogs, in der si khron-Ausgabe thogs.  ↩

  7. In der Varanasi-Ausgabe steht སོགས།, in der སི་ཁྲོན།-Ausgabe ཐོགས།.  ↩

  8. In den verschiedenen tibetischen Ausgaben heißt es འཆར་སྒོམ་འགགས་པའི།, aber hier wird es, basierend auf den Erklärungen von Ringu Tulku Rinpoche, als འཆར་སྒོ་མ་འགགས་པའི། verstanden.  ↩

Patrul Rinpoche

Dza Patrul Rinpoche

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