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ISSN 2753-4812
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Autobiografie in Versform

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Ein Dohā als Ornament

Eine wahrheitsgetreue Erzählung des Lebens und der Befreiung des Dzogchenpa Rangjung Dorje

von Jigme Lingpa

Verehrung dem höchsten Buddha!

Die vollständige Geschichte von Saṃsāra,
in dem wir versäumen, die Wahrheit
von Erlöschen und Nicht-Entstehen zu erkennen,
und dualistischen Gedanken anheimfallen,
ist zu umfangreich, um sie hier wiederzugeben.

Wird der neutrale All-Grund
mit den Objekten der Ausrichtung verbunden, entstehen und vermehren sich Verunreinigungen.
Die zusammengesetzten Anhäufungen von Bewusstsein,
Elementen und Sinnesquellen erschaffen das, was wir als die Welt kennen, das Rad der Existenz.

So geschah es einst, dass ich, als ich im Bereich der Begierde
nach einem Selbst griff,
in der Region von Śrī Parvati geboren wurde,[1]
in der väterlichen Linie des Gebieters Gyayakpa.[2]
Da der Familie keine Untergebenen angehörten,
hinderte mich nichts daran, mit allen äußeren vorteilhaften Umständen betraut zu sein.

Ich wurde als Junge mit reinem Geist geboren
und genoss daher auch die fünf persönlichen Vorteile.
Obwohl Kinder, die zu klein sind, um Krähen zu verscheuchen,
in der Regel keine Gelübde ablegen,[3]
trat ich dennoch im Alter von fünf Jahren[4]
in das Klosterleben ein.

Angespornt von der Peitsche lernte ich Ritualtexte auswendig
und übte mich ohne große Anstrengung im Zuhören, Kontemplieren und Meditieren,
während ich gleichzeitig den Anschein erweckte, als würde ich das Gesetz von Ursache und Wirkung missachten.

Im Alter von vierzehn Jahren wurde ich Mönchsnovize,
doch kannte ich, abgesehen von den vier Wurzelgelübden,
noch nicht einmal die Grundsätze,[5]
wie also hätte ich mich in Disziplin üben können?
In dem Glauben, allein mit edlen Bestrebungen[6]
wäre das Gelübde, negative Handlungen aufzugeben, bereits erfüllt,
verschwendete ich im Gewand eines Mönchs Opfergaben
und lebte mein Leben gleich einem gewöhnlichen Laien.

Gleichzeitig war ich der Welt überdrüssig
und empfand von Natur aus Entsagung und großes Mitgefühl,
seit ich mich zurückerinnern kann.
Ich sehnte mich nach dem Lebenswandel eines Asketen.
Ich war recht intelligent und geschickt,
und obwohl ich das Leben eines Kindes führte,
wäre mir niemals eingefallen, mich gleich einer Katze hinterlistig zu benehmen.[7]

Obgleich ich im Erwachsenenalter keinerlei Neigung zu negativen Handlungen besaß,
weder mental noch physisch, ließ ich mich durch äußere Umstände,
wie das Verhalten anderer Mönche,
dennoch zu Anhaftung und Abneigung hinreißen, was ich bedauere.

War ich allein, dachte ich an nichts als den heiligen Dharma.
Beim Lesen der Lebensgeschichte des großen Meisters aus Uḍḍiyāna
und der Erinnerung an die Drei Juwelen
flammte in mir unaufhörlich tiefes Vertrauen auf.
Als ich mir von Hingabe erfüllt vorstellte,
augenblicklich zum Kupferfarbenen Berg zu gelangen,
war mein Geistesstrom wahrhaft von Segen durchströmt.

Allein davon zu hören, dass Jäger Wild jagen,
Nomaden ihre Schafe zur Schlachtung treiben
oder jemanden die Angst vor Bestrafung peinigt –
ganz zu schweigen davon, dies mit eigenen Augen zu bezeugen –
ließ überwältigendes Mitgefühl in mir aufsteigen.

Als ich mein fünfundzwanzigstes Lebensjahr erreichte,
dachte ich an nichts anderes als die Nachteile der Ablenkung
und träumte davon fortzulaufen, um mich dem Dharma zu widmen.
Ich sehnte mich danach, allein durch abgeschiedene Täler zu wandern
und die Anhaftung an mein Zuhause zu durchtrennen.

Da meine Wahrnehmung jeglicher Spur von Feindseligkeit entbehrte,
verspürte ich nichts als Freude, wenn ich die Namen meiner Gurus vernahm,
von großen Meditierenden hörte, deren Leben frei von allzu vielen Pflichten war,
oder wenn ich von friedvollen, guten Menschen erfuhr.
Ohne die geringsten Vorbehalte
hatte ich Respekt für alle und für jede der verschiedenen Lehren.

Obwohl ich des süßen Duftes der zwölf asketischen Praktiken entbehrte,[8]
waren meine Haltung und mein Verhalten ungleich derer gewöhnlicher Haushälter.
Angetrieben von grenzenlosem Überdruss und Entsagung
machte ich mir die Sicht individueller Befreiung zu eigen.

Als sich günstige Umstände einstellten,
meditierte ich in Śrī Parvati und Samye Chimphu
sieben Jahre lang einsgericht
über die Entstehungs- und Vollendungsphasen und hielt dabei den bloßen Anschein der Gelübde des Mantra-Fahrzeugs aufrecht.

Als die fünf Sinnesorgane leidvoller Emotionen
zu Ursachen vollständiger Reinigung wurden,
durchfluteten spirituelle Erfahrungen meinen Geist, ich wurde entspannt,
und meine Verwirklichung von Leerheit und Mitgefühl wuchs und wuchs.
Gedanken wie Anhaftung und Abneigung, Hoffnung und Furcht
wurden auf dem Pfad ganz natürlich befreit.

Durch den Segen der Drei Wurzeln
und die direkte Ursache des Vajra-Pfades[9]
öffnete ich die Schatzkammer aller Qualitäten vollständiger Reinigung.
Mein Körper loderte auf, die Ḍākinīs gewährten Zeichen,
und ich erlangte den Schatz des unterscheidenden Gewahrseins,
gleich der Prophezeiung des großen siegreichen Padma.

Das Wolken-Rad der Silben in den Kanälen und Elementen
erklang als die Musik des kostbaren Dharmas.
Ich erlangte Macht über die Ḍākinīs der drei Orte
und das all-sehende Auge der ganz und gar uneingeschränkten Sicht.
Anhand direkter gültiger Wahrnehmung reinigte ich, in den allumfassenden Raum,
alle Gedanken von Aufgeben oder Annehmen, Behauptung oder Widerlegung
und genau so die Ängste rein Intellektueller,
das Graben nach Schätzen,
die Hoffnung auf die Ankunft eines Dharma-Erben
und die Hoffnung, irgendetwas zu erreichen.

Zwar kann ich nicht behaupten,
die höheren Pfade und Bhūmis erlangt zu haben,
und doch sprach der Buddha im Sūtra der Anwendung von Achtsamkeit
von den ach großen Dharma-Schätzen,[10]
deren besondere Qualität darin liegt, dass alle, denen sie offenbart werden,
zweifellos die erleuchteten Aktivitäten vollbringen
und die Siddhis erlangen werden.

Besonders durch die Kraft früherer Wunschgebete
und gestützt auf die Kernanweisungen des großen Allwissenden[11]
erkannte ich die Natur meines Geistes.
In der unteren Höhle in Chimphu
begegnete ich in einer Vision Longchenpa und erkannte die Wahrheit über die Wirklichkeit,
wozu bedurfte es da noch der ozeangleichen philosophischen Lehrsysteme?
Dank seines Segens kannte ich jedes Detail der Lehren,
angefangen bei den achtzehn Freiheiten und Vorteilen
und der Zuflucht der drei Arten von Wesen.

Der siegreiche Verkünder der Wahrheit hat uns dazu aufgerufen,
jenen, die uns den Dharma gewähren,
Respekt und Ehrerbietung zu erweisen,
so wie die reinen Brahmanen ihrem Feuer.
Indem ich mir dieses Beispiel zu Herzen nahm, verstand ich die Natur aller Lehren
und die besonderen Aspekte der Großen Vollkommenheit.

Durch direkte Erfahrung, in Visionen und in Träumen
empfing ich Prophezeiungen, dass ich die Buddhas erfreuen würde.
Jene, die nicht zwischen wahrer und trügerischer Lehre zu unterscheiden wussten
und deren Intelligenz durch Dämonen getrübt war,
verhöhnten und tadelten den Śrāmaṇa Gautama, als er die Askese der Tīrthikas aufgab,
und nannten ihn einen Missetäter.[12]
Wie sehr sie doch unser Mitgefühl verdienen!

In einem vergangenen Zeitalter
gewährte mir der Buddha Kāśyapa die Bodhisattva-Gelübde
zusammen mit der Prophezeiung meiner Erleuchtung als der Buddha Vollständig Siegreich –
nach Beseitigung der Verschleierungen (der Pfade) des Sehens und der Meditation, die die Buddhanatur verhüllen.
Bis hin zu dem Zeitpunkt, da ich mich unter den Bodhi-Baum begebe,
werde ich die Bodhisattva-Handlungen nicht aufgeben,
noch werde ich mich dem Einfluss gewöhnlicher Wesen hingeben,
sondern den unübertroffenen Zustand wahrer Verwirklichung erlangen
als der spontan verwirklichte Rangjung Dorje.

Da mein Geist darüber hinaus
ehrlich und aufrichtig geworden ist,
übe ich nicht einmal Kritik
an Dharma- oder spirituellen Praktizierenden, die lediglich den Schein wahren,
ganz zu schweigen an solchen, die eine echte Verbindung mit dem Dharma pflegen.

Was die Anhänger des Dharmas betrifft, ob aus Indien oder Tibet,
wie können ignorante Wesen
die Qualitäten derer mit überlegenen Fähigkeiten erkennen?
Wenn jemand wie Āryaśūra oder Dignāga
den Geist des Gipfels der Existenz und das unbeschreibliche Selbst
durch unterscheidende Weisheit ausgelöscht hat
und zu einem großen sonnengleichen Erheller der Lehren wird,
ist dies die erleuchtete Aktivität der Siegreichen.

Gleichwohl ich Vertrauen in alle Lehren besitze,
sah ich den Bodhisattva-Piṭaka
als Grundlage des Mantra-Fahrzeugs an,
und so trat ich vor die Jowo Śākyamuni-Statue,
um die Bodhisattva-Gelübde abzulegen.
Ich nahm die Gelübde des Bestrebens und der Handlung, was meine Veranlagung dazu erweckte.

Als ich sah, wie die Tradition der frühen Übersetzung verfiel,
trug ich die Texte der Gesammelten Tantras zusammen,
empfing die Übertragungen und verfasste eine Historie, einen Katalog[13]
und Widerlegungen, um falsche Ansichten auszuräumen.
So schuf ich die glückverheißenden Umstände
für das Aufblühen und die Verbreitung der Texte und Übertragungen.

Als einige andere Gelehrte, in ihrer Versäumnis, sich auf die Bedeutung
von Sūtra, Illusion und Geist
und die Vierfache Herz-Essenz zu stützen,
diese Werke des Mantras voreilig beschmutzten und schmähten,
studierte, erklärte und praktizierte ich nach besten Kräften
jene Texte, die schlüssige Rituale für Reifung und Befreiung beschreiben,
die keinerlei Wiederspruch zwischen Tantra und Kernanweisungen aufweisen,
die alle wesentlichen Punkte über die Grundlage und den Agens der Reinigung beinhalten
und die Kraft besitzen, das Resultat der fünf Kāyas zu gewähren,
darunter jene Werke aus dem Kama
wie die Vereinigung der Buddhas, Innerster Kīlaya,
Das Leeren der Tiefen, Die acht großen Maṇḍalas, Yamāntaka und mehr.

Basierend auf der engen Übertragungslinie von Segen und Ermächtigung
des Meisters Śrī Siṃha
trug ich die Lehren
des Kīlaya des tantrischen Systems erneut zusammen.[14]

Alle Traditionen und Lehren der schneebedeckten Berge Tibets,
jede einzelne,
hält zweifellos die Lehrsysteme des Buddhas aufrecht.
Für alle, die ein tiefgründiges Verständnis der gesamten Lehre anstreben,
sowohl der Sammlungen der Sūtras als auch Tantras,
verfasste ich Die Schatzkammer der kostbaren Qualitäten[15]
zusammen mit den Kommentaren Der Triumphwagen der zwei Wahrheiten und Der Triumphwagen der Allwissenheit,[16]
um den raschen Pfad
der philosophischen Systeme unserer Tradition zu erhellen.
Dabei stützte ich mich auf die Worte des Buddhas, den Kommentar der Drei Juwelen,[17]
Die drei Triumphwagen[18] und die Sieben Schätze und schmückte sie mit mannigfaltigen Zitaten
aus den Worten des Buddhas und den Śāstras.

Ich gab das System der Meditation über die Leerheit von Entstehen und Vergehen auf,
die auf der präzisen Analyse der Bewusstseinsarten und Elemente
gemäß dem erhabenen Abhidharma Piṭaka basiert,
und gelangte durch die Kraft der Meditation über die Weisheit der Großen Vollkommenheit,
was letztendliches Bodhicitta ist,
zur Ebene der Verwirklichung der Āryas.

Um meine Meisterschaft in der Schulung
in relativem Bodhicitta sowohl des Bestrebens als auch der Handlung zu stärken,
was wichtiger selbst noch als ihr anfängliches Erwecken ist,
befreite ich etwa zweihundert Rinder und Schafe
sowie zahllose winzige Tiere,
ohne das geringste Gefühl von Geiz.

Ich widmete mich nicht der verkehrten Lebensführung, bei der man Opfergaben,
die aus Vertrauen oder für die Toten dargebracht wurden, verschwenderisch verprasst.
Stattdessen erbaute ich das Kloster Pema Ö Ling
zusammen mit einem Tempel, in dem die Piṭaka-Schriften aufbewahrt werden,
sowie mit Lehm versiegelte Klausurhütten für Meditierende und Mönche.
Ich gab tausende von Silbermünzen
für die Anfertigung von Repräsentationen der Drei Juwelen
und zehntausende für die Restaurierung der Schreine unserer königlichen Vorfahren.
Ich erwarb die Worte des Buddha und förderte deren Rezitation.
Auf diese Weise übte ich mich in der transzendenten Vollkommenheit der Großzügigkeit.

Ich erlangte Meisterschaft über die Kanäle, inneren Winde und Lebensenergien
und hielt den Vinaya des Vajra-Fahrzeugs
durch die Übung in der Disziplin des Mantras aufrecht.

Kritik aus den Reihen der Tölpel
konnte das von mir erlangte furchtlose Selbstvertrauen nicht erschüttern.
Geduldig erkannte ich die Bedeutung der tiefgründigen Wahrheit an
und führte mein Leben ohne die geringste Scheinheiligkeit.

Als Unterstützung für das Rad der Aktivität
sowie aller Arten der Handlung
erlangte ich die transzendente Vollkommenheit des freudigen Eifers.

Indem ich meinen Geist nach innen wandte und nicht abschweifen ließ,
lösten sich Konzepte über die Entstehungs- und Vollendungsphasen von selbst auf
und mein Geist sammelte sich in einem Zustand meditativer Konzentration.

Dann, als die transzendente Vollkommenheit der Weisheit
wurde Vipaśyanā zur Großen Vollkommenheit.

Unter die acht weltlichen Belange,
wie das Hoffen auf Gewinn und die Furcht vor Verlust,
fällt auch der Wunsch, wichtigen Leuten zu gefallen.
Hätte ich mich allerdings nicht geschickt verhalten,
wäre der königliche Kaplan eifersüchtig geworden und hätte mir Probleme bereitet.
Nachdem ich hierüber reflektiert hatte und auch über die Hindernisse, die mein Alter und meine Krankheit darstellten,
schrieb ich dem König von Derge
als Antwort auf seine Einladung einen Brief.[19]

Der Herr des Dharmas, das glorreiche Oberhaupt der Sakyapas,[20]
bat mich eindringlich um mein Kommen.
Darüber hinaus ersah ich aus der Art und Weise, wie der viergesichtige Mahākāla zu mir sprach,[21]
unsere glückverheißenden Verbindungen vergangener und künftiger Leben.
Es war eine langwierige Reise, auf der ich all den Darstellungen der Drei Juwelen,
denen wir unterwegs begegneten, meinen Respekt erwies.

Nach meiner Ankunft versammelten wir uns
für die Dauer von drei Wintermonaten im großen Tempel.
Ich weihte die Darstellungen der Drei Juwelen im Allgemeinen
und als Vorbereitung für die Studierenden gewährte ich im Besonderen
die Tantras und mündlichen Übertragungen der Alten sowie der Neuen Übersetzungsschulen, die acht großen Ermächtigungen,
die Segnungen zur Erlaubnis und die Lebenskraft-Übertragungen der Schützer.
Des Weiteren vollzog ich ein ausführliches Ritual zur Verleihung der Bodhisattva-Gelübde
und gab die damit verbundenen Erklärungen.
Auf diese Weise bemühten sie sich beharrlich in den geschickten Mitteln,
um die zwei Arten von Bodhicitta zur Reife zu bringen.

Obwohl große Wesen kraft ihrer erhabenen Natur
geeignete Empfänger der höheren Lehren sind,
ist es für jene mit geringeren Fähigkeiten nur schwer möglich, ein geeignetes Gefäß zu werden.
Mit dem Wunsch, dass diese edlen Wesen, die als Gurus des gesamten Landes galten,
zu ausgezeichneten Lehrern heranwachsen mögen,
ihr Geist vertieft in die Bedeutung des Großen Fahrzeugs
und im Einklang mit der Natur der Wirklichkeit,
sprach ich außerordentliche und bedeutungsvolle Wunschgebete.

Ich sah von Arroganz gegenüber denen mit geringeren Fähigkeiten ab,
genau wie von vorgetäuschter Freundlichkeit
gegenüber wohlhabenden Gönnern.
Angetrieben von einem auf das Erwachen ausgerichteten Geist und den vier Arten des Anziehens von Schülern
lehrte ich mehr als zweihundert Studierende
weit mehr als nur die Erklärungen der Praxis des Anstrebens für allgemeine Versammlungen.[22]
Jetzt, am Ende der Zeit, die der Praxis dienlich ist,
ist ein diffuses Empfinden von Entsagung alles,
was die meisten, die sich der Dharma-Praxis zuwenden, aufbringen können,
da ihr Geist vom großen Dämon
der fünf Arten des Verfalls überwältigt ist.
Auch wenn sie nach Monaten oder Jahren der Praxis
die ein oder andere positive Qualität entwickeln mögen,
werden die meisten von ihnen erneut hinabstürzen –
wahrlich selten sind jene, die auf dem Pfad Fortschritte machen!

Daher bemühe ich mich stets nach Kräften,
in der Einsamkeit zu verharren.
Insbesondere gibt es unter denen,
die im Piṭaka des Mantra-Fahrzeugs unterrichtet wurden,
nur wenige, die tatsächlich Erfolg finden.
Die Ursachen, und demzufolge auch die Resultate, sind schlichtweg nicht vorhanden –
wie beim Versuch, aus einem leeren Becken Wasser zu schöpfen.

Werden daher das Aufblühen und der Niedergang der Lehren
nicht an der Erkenntnis der Wirklichkeit selbst,
noch an Handlungen, die mit dem Dharma im Einklang sind, gemessen,
sondern stattdessen an der Anzahl von Menschen,
an der Abstammung, der äußeren Erscheinung oder der Macht,
so ist dies nichts anderes als Verblendung und Dummheit.

Die sechs Ornamente und achtzig Siddhas,
Padampa Sangye aus Indien,
Geshe Kharak Gomchung[23]
und der siegreiche Longchen Rabjam
verließen nicht ihre bescheidenen Behausungen
im Austausch für gewaltige Klosteranlagen, die von Negativität durchzogen waren,
und umgaben sich nicht mit Scharen von Mönchen und Schülern,
die sich als ihre Dharma-Praxis in Begierde und Zorn übten.
Ebenso bitte ich euch inständig, Respekt den Drei Juwelen gegenüber zu entfachen
und den Dharma hingebungsvoll zu praktizieren.
Mein vollendetes Wunschgebet lautet, dass all jene, die mit mir verbunden sind,
zur Tugendhaftigkeit inspiriert sein mögen.

In der Meditation steigen alle Gedanken als Weisheit auf,
und in der Nach-Meditation
denke ich an nichts als an Entsagung.
Da der Geist, der ein „Ich“ erdenkt und danach greift
in Wahrheit keinerlei Existenz besitzt,
ließ ich solche Wesenszüge wie hochmütigen und übersteigerten Stolz,
Voreingenommenheit, Selbstlob und Herabwürdigung anderer,
Arroganz und Übereifer hinter mir.

Ich hege keinerlei Hoffnung oder Furcht,
ob solch verblendete Wesen,
die auf familiäre Abstammung, äußere Erscheinung, Macht und Ruhm Wert legen,
mir Respekt zollen oder nicht,
da die Wahrnehmung aller unterschiedlich ist,
basierend auf ihren karmischen Eindrücken, und die Wahrnehmungsweise einer Situation
den wechselseitig abhängigen Ursachen und Bedingungen geschuldet ist.

„Auch wenn jene,
die sich vom Großen Fahrzeug inspiriert fühlen,
noch nicht die Kraft besitzen, Wesen von Nutzen zu sein,
ist es wichtig, diese Intention allzeit aufrechtzuerhalten.
Allein diese Intention in sich zu tragen,
wird die Erfüllung dessen selbst herbeiführen.“
Wenn du dich auf diese Weise stets dem kostbaren Geist von Bodhicitta widmest,
der gleich einem Elixier ist, das alles in Gold verwandelt,
wird der Rest deines Lebens von tiefer Bedeutung sein.

Ich verfasste diesen Text
auf Wunsch des großen Lamas von Sakya.[24]
Möge er durch dieses Verdienst, für alle, die ihn sehen, hören
an ihn denken oder ihn berühren, zur Ursache des höchsten Erwachens werden.

Sarva maṅgalam!


| Ins Englische übersetzt von Han Kop und editiert von Barry Cohen, 2023, für das Longchen Nyingtik Project. Mit Dank an Lama Sherab Tharchin aus dem Dodrupchen Kloster und Khenpo Sonam Tsewang aus Namdroling, die mir beim gesamten Text mit ihrem Rat zur Seite standen, und an Khenpo Sonam Tsewang und Matthias Staber für die Durchsicht der Übersetzung und ihre zahlreichen hilfreichen Anregungen. Deutsche Übersetzung von Theresa Bachhuber.


Bibliografie

Tibetische Edition

'jigs med gling pa. "rdzogs chen pa rang byung rdo rje'i don gyi rnam thar do ha'i rgyan" in 'jigs med gling pa'i rnam thar. BDRC W7479. Chengdu: si khron mi rigs dpe skrun khang, 1998, S. 462–469.

'jigs med gling pa. "rdzogs chen pa rang byung rdo rje'i don gyi rnam thar do ha'i rgyan". In gsung 'bum_'jigs med gling pa sde dge par ma. BDRC W27300. Gangtok, Sikkim: Pema Thinley für Dodrupchen Rinpoche, 1985. (Derge Edition). Bd. 9: 513–524.

Weitere Primärquellen

rDo grub chen 03 ʼjigs med bstan paʼi nyi ma. “ʼJam dbyangs mkhyen brtseʼi dbang po la bstod pa.” In gSung ʼbum ʼjigs med bstan paʼi nyi ma (si khron mi rigs dpe skrun khang ), Bd. 1, 176–185. Khreng tuʼu: Si khron mi rigs dpe skrun khang, 2003. [BDRC bdr:MW25007_EFC75E]

Sekundärquellen

Goodman, Steven. The ‘Klong-Chen Snying-Thig’: An Eighteenth Century Tibetan Revelation. Doktorarbeit, The University Of Saskatchewan, 1983.

______. “Rig-'dzin 'Jigs-med gling-pa and the Klong-Chen sNying-Thig.” In Tibetan Buddhism: Reason and Revelation. Editiert von Ronald Davidson und Steven Goodman. Albany: State University of New York Press, 1992, S. 133–147.

Gyatso, Janet. Apparitions of the Self: The Secret Autobiographies of a Tibetan Visionary. Princeton: Princeton University Press, 1999.

______. “From the Autobiography of a Visionary.” In Religions of Tibet in Practice, Donald S. Lopez, Hrsg. Princeton: Princeton University Press, 1997, S. 369–375.

Smith, Gene. Among Tibetan Texts: History and Literature of the Himalayan Plateau. Boston: Wisdom Publications, 2001.

Tulku Thondup. Masters of Meditation and Miracles: The Longchen Nyingthig Lineage of Tibetan Buddhism. Boston: Shambhala, 1996.

van Schaik, Sam. "A Tibetan Catalogue of the Works of ’Jigs-med gling-pa", Revue d’Etudes Tibétaines, Nr. 29, April 2014, S. 39-63.

______. Approaching the Great Perfection: Simultaneous and Gradual Methods of Dzogchen Practice in the Longchen Nyingtig. Boston, MA: Wisdom Publications, 2004.

______. "Sun and Moon Earrings: The Teachings Received by 'Jigs med gling pa." Tibet Journal, Bd. 25: 4, 2000, S. 3-32.


Version: 1.0–20260724

Anmerkungen

  1. Śrī Parvati bezieht sich auf Palri Ösal Tekchen Ling, ein Nyingma-Kloster und Zweig von Katok in Chonggye, das ursprünglich im 16. Jahrhundert von Tertön Sherab Özer (1518–1584) unter dem Patronat von Sonam Tobgyal gegründet wurde.  ↩

  2. rgya yags pa. An anderer Stelle Gyadrakpa (rgya brag pa). Er war einer der sechs spirituellen Erben von Chöje Drukpa (chos rje ’brug pa). Gene Smith identifiziert die Überlieferungslinie als Ra Drukpa (rwa ’brug pa), „eine der sechs großen Schüler-Linien der ’Brug pa Lamas aus Rwa lung.“ (Smith 2001, S. 21)  ↩

  3. Gemäß dem Vinaya dürfen Kinder, die so jung sind, dass sie keine Krähen verscheuchen können, im Allgemeinen keine Gelübde ablegen.  ↩

  4. Das heißt 1735. Jigme Lingpa berechnet sein Alter hier nach der tibetischen Tradition, in der man mit dem Moment der Empfängnis beginnt und daher man bei der Geburt bereits ein Jahr alt ist. Obwohl Jigme Lingpa also schreibt, er sei sechs Jahre alt gewesen, wäre er nach unserer Rechnung fünf Jahre alt gewesen.  ↩

  5. Dies bezieht sich auf die 33 oder 36 Gebote eines Mönchsnovizen, zu denen auch die Vermeidung der vier grundlegenden Fehltritte gehört.  ↩

  6. Edle Bestrebungen (legs smon) bezeichnen Gebete, die gesprochen werden, um eine günstige Wiedergeburt im Reich der Götter oder der Menschen zu erlangen.  ↩

  7. Katzen mögen zwar unschuldig aussehen, sie jagen und töten aber heimliche Mäuse und andere Tiere.  ↩

  8. Die zwölf asketischen Praktiken sind: 1. Kleidung zu tragen, die man im Staub gefunden hat, 2. nur drei Gewänder zu besitzen, 3. Kleidung aus Filz oder Wolle zu tragen, 4. um Nahrung zu betteln, 5. die Nahrung in einer einzigen Mahlzeit einzunehmen, 6. die Nahrungsmenge zu beschränken, 7. in Abgeschiedenheit zu leben, 8. unter Bäumen zu sitzen, 9. an ungeschützten Orten zu sitzen, 10. auf Leichenplätzen zu verweilen, 11. selbst im Schlaf aufrecht zu sitzen, und 12. dort zu verbleiben, wo auch immer man sich gerade befindet.  ↩

  9. Hier spricht Jigme Lingpa über die Yoga-Übungen der feinstofflichen Kanäle (rtsa), der Windenergien (rlung) und der Lebensessenzen (thig le).  ↩

  10. Die acht Schätze des Vertrauens (spobs pa’i gter chen po brgyad) sind: 1) Der Schatz der Erinnerung, 2) der Schatz der Intelligenz, 3) der Schatz der Verwirklichung, 4) der Schatz der Beibehaltung, 5) der Schatz des Vertrauens, 6) der Schatz des Dharma, 7) der Schatz des Bodhicitta und 8) der Schatz der Verwirklichung.  ↩

  11. Das heißt Longchen Rabjam.  ↩

  12. Jigme Lingpa deutet hier an, dass ihm etwas Ähnliches widerfahren ist.  ↩

  13. Ein Schmuckstück, das die Welt durchzieht: Eine Geschichte der kostbaren Tantra-Sammlung der Schule der frühen Übersetzungen (snga ’gyur rgyud ’bum rin po che’i rtogs brjod ’dzam gling tha gru khyab pa’i rgyan), Derge, Bd. 3: 3–502.  ↩

  14. rgyud lugs phur ba. Eine Vajrakīlaya-Praxis, die sich im Weisheitsgeist von Jigme Lingpa erhob, aber gleichzeitig den Tantras entstammt. Aus diesem Grund gilt sie sowohl als Schatz (Terma) als auch als Teil der mündlichen Überlieferungslinie (Kama). Als Jigme Lingpa sich im Retreat befand, hatte er eine Vision, in der er sich in Paro Taktsang befand, wo ihm Palgyi Senge, einer der fünfundzwanzig Schüler von Guru Rinpoche, erklärte, wie die Praxis anzuordnen sei. Er vollendete die Sammlung im Jahr 1783, als er die Übertragung im Sakya-Kloster erteilte.  ↩

  15. Die Schatzkammer der kostbaren Qualitäten wurde im Winter 1779–80 in Pema Ö Ling auf Wunsch von Chöje Drakpukpa aus Latö verfasst.  ↩

  16. Der Triumphwagen der zwei Wahrheiten wurde auf Wunsch des 31. Sakya-Thronhalters Ngawang Künga Lodrö (1729–1783) verfasst, und Der Triumphwagen der Allwissenheit auf Wunsch von Chöje Drakpukpa aus Latö.  ↩

  17. Ein berühmter Kommentar über das Guhyagarbha-Tantra von Rongzom Chökyi Zangpo (1012–1088).  ↩

  18. shing rta gsum. Der große Triumphwagen (shing rta chen mo), Longchenpas eigener Kommentar zu Ruhe und Gelassenheit in der Natur des Geistes finden (sems nyid ngal gso); Der ausgezeichnete Triumphwagen (shing rta bzang po), sein Kommentar zu Ruhe und Gelassenheit in der Illusion finden (sgyu ma ngal gso); und Der reine Triumphwagen (shing rta rnam dag), sein Kommentar zu Ruhe und Gelassenheit in der Meditation finden (bsam gtan ngal gso).  ↩

  19. Anders ausgedrückt konnte Jigme Lingpa die Einladung des Königs nach Derge nicht annehmen und sandte stattdessen einen Brief. Der König war Sawang Zangpo (sa dbang bzang po, 1768–1790).  ↩

  20. Jigme Lingpa besuchte Sakya im Jahr 1786 im Alter von 57 Jahren. Da der 31. Sakya-Thronhalter, Ngawang Künga Lodrö (1729–1783), bereits verstorben war, muss es sich dabei um den 32. Sakya-Thronhalter, Jamgön Wangdü Nyingpo (1763–1809), gehandelt haben.  ↩

  21. Diese Zeile ist für Anhänger von Jamyang Khyentse Wangpo von Bedeutung, die sie als Prophezeiung interpretieren, dass Jigme Lingpa auf Bitten von Mahākāla als Sakya-Tulku, nämlich als Khyentse Wangpo, wiedergeboren würde. Dies wird von Dodrupchen Tenpe Nyima in seinem Loblied auf Khyentse Wangpo ausdrücklich erwähnt. Siehe ’jigs med bstan pa’i nyi ma, ’Jam dbyangs mkhyen brtse’i dbang po la bstod pa, S. 176. Mit Dank an Sonam Jamtsho für diesen Hinweis.  ↩

  22. Anders ausgedrückt deutet Jigme Lingpa an, dass er nicht nur die Erklärungen für eine allgemeine Versammlung (tshogs bshad) vermittelt hat, sondern auch die Erklärungen (slob bshad), die sich an fortgeschrittenere Schüler richten, die ihre Praxis verwirklichen und vervollkommnen wollen.  ↩

  23. Kharak Gomchung Wangchuk Lodrö (kha rag sgom chung dbang phyug blo gros) war ein Kadampa-Meister aus dem 11. oder 12. Jahrhundert.  ↩

  24. Dieser Text wurde vermutlich im Jahr 1786 verfasst, als Jigme Lingpa im Alter von 57 Jahren das Sakya-Kloster besuchte. Goodman (1983, S. 36) merkt an, dass die Holzschnitte dafür erstmals im Jahr 1787 angefertigt wurden.  ↩

Jigme Lingpa

Jigme Lingpa

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