Natürlich befreien, worauf immer du triffst
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Natürlich befreien, worauf immer du triffst
Eine prägnante Unterweisung zur Verwirklichung der Natur des Geistes
von Khenpo Gangshar
Angenehme Erfahrungen sind das Ergebnis von Tugendhaftigkeit, während Unzufriedenheit auf negative Handlungen folgt. Dies ist einfach der unfehlbare Gang der Dinge, und daher ist es notwendig, sowohl Tugenden als auch Untaten zu identifizieren. Zuerst gilt es, die drei von Körper, Rede und Geist zu identifizieren, und wenn diese erst einmal erkannt worden sind, dann, welches der Hauptakteur sowohl von tugendhaften als auch negativen Handlungen ist. Welcher ist nun der wichtigste, fragst du dich vielleicht. Der Geist ist der Souverän. Wie es heißt:
Der Geist hat die Oberherrschaft über alles inne, wie ein Monarch.
Der Körper ist lediglich sein Diener bei guten und bei schlechten Taten.
Körper und Geist sind wie Diener, die auf Befehl des Geistes, ihres Monarchen, handeln. Wenn nicht zuerst der Gedanke von etwas da ist, sei er gut oder schlecht, gibt es keine Möglichkeit für den Körper, ihn umzusetzen und keine Möglichkeit für die Rede, ihn auszudrücken.
Erkenne, dass der Geist hinter jeder Handlung steckt, aber was ist der Geist? Existiert er, oder existiert er nicht?
Er kann nicht definitiv als etwas existieren, und da er weder Farbe besitzt – weiß, gelb, rot, grün – noch eine Form – rechteckig, dreieckig usw. – kann er nicht als existent ‚angesehen‘ werden. Noch ist er völlig nichtexistent, denn dieses souverän-artige Bewusstsein ist nichts anderes als die eigenen unablässigen Gedanken und Erinnerungen. Der glorreiche Rangjung Dorje sagte:
Er ist nicht existent, denn selbst Buddhas haben ihn nicht gesehen.
Noch ist er nichtexistent, denn er ist die Grundlage für alles Samsara und Nirvana.[1]
Dies beschließt die Vorbereitungen.
Der Hauptteil der Praxis:
Sitz bequem, entspannt und ungezwungen. Es ist nicht notwendig, an irgend etwas zu denken, verweile einfach – natürlich, ohne geistige Machenschaften. Öffne deine Augen und starre in den Raum; halte deinen Mund leicht geöffnet und atme natürlich. Die Natur, die du erfahren wirst, ist frei von Denken, Erinnern und dem Reflektieren über Dies und Das, sei dies nun angenehm oder unangenehm und so fort. Es ist der Geist selbst – klar, lebendig, scharf und nackt. Dies ist die Natur des Geistes von jedem fühlenden Wesen; sie ist eins mit dem Herzen der höchsten Führung, deines glorreichen Guru, und unteilbar von der Weisheit der Buddhas der drei Zeiten. Sie ist nichts anderes als die Mahamudra des Dharmakaya, die leuchtende große Vollkommenheit, der Pfad zusammen mit seinem Ergebnis (Lamdré), Mitgefühl verbunden mit Leerheit, und so weiter. Es gibt viele Namen dafür, aber es läuft immer auf Dasselbe hinaus. Rangjung Dorje sagte:
Gemäß den Weisen ist alles weder wahr noch falsch,
wie die Spiegelung des Mondes im Wasser.
Der gewöhnliche Geist selbst ist das Dharmadhatu
und wird bezeichnet als die „Essenz der Siegreichen“.[2]
Blick direkt auf was auch immer auftauchen mag, und versuche nicht, es zu verändern. Verweile einfach. Alle Stufen von Generieren und Vollenden, Mantrarezitation und Visualisation sind hierin enthalten. Du musst lernen, diese Praxis von Ablenkung zu unterscheiden. Wenn du unabgelenkt und natürlich-locker bist, ist dies Gewahrsein, wo es weder etwas zu gewinnen noch etwas zu verlieren gibt. Bist du jedoch abgelenkt – und wenn auch nur im Mindesten – kannst du leicht Vorliebe und Abneigung anheim fallen und der Ansammlung positiver und negativer Handlungen, dem Brennstoff für das Umherirren im Samsara. Lerne, diese Unterscheidung zwischen Gewahrsein und Geist oder Gedanken zu treffen; verlass dich auf die Stabilität von ersterem und läutere letzteres, so wie diese sich gleich Wolken zusammenscharen.
Die Essenz der Techniken des Annehmens von Krankheit, destruktiven Emotionen, dem Zwischenzustand und der Verwirrung zur Mehrung des Pfades liegt einfach im Verweilen in dem natürlichen Zustand.
Es gibt keine Notwendigkeit, dich hier mit weiteren Einzelheiten zu langweilen.
Der vollendete und gelehrte Gangshar Wangpo gab liebenswürdigerweise diese Unterweisungen an die versammelten Schüler von Shedrup Dagye Ling, der Thrangu Tashi Chöling School, und zwar am siebenten Tage des sechsten Monats im Jahr des Feuervogels. Mangalam (Möge alles glückverheißend sein)!
| Übersetzt von Sean Price, 2021. Deutsche Übersetzung Angelika Peaston, 2026.
Bibliografie
Tibetische Edition
gang shar dbang po. "dpal khra 'gu bshad sgrub dar rgyas gling du bstsal ba'i sems khrid 'phrad tshad bsdus pa" in gsung 'bum/_gang shar dbang po. 1 vol. Kathmandu: Thrangu Tashi Choling, 2008 (BDRC W2CZ6597). Vol. 1: 137–143
Sekundärquellen
Khenchen Thrangu, Vivid Awareness: The Mind Instructions of Khenpo Gangshar, with commentary by Khenchen Thrangu Rinpoche. Boston, MA: Shambhala Publications, 2011.
Version: 1.0–20260528
Anmerkungen
-
Aus Karmapa Rangjung Dorje, Aspiration of the Mahāmudrā of Definitive Meaning, verse 11 ↩
-
Aus Karmapa Rangjung Dorje, The Treatise Called “Revealing the Essence of the Tathāgatas” (de bzhin gshegs pa’i snying po bstan pa zhes bya ba’i bstan bcos) ↩
