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ISSN 2753-4812
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Natürlich befreien, was immer dir begegnet

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Natürlich befreien, was immer dir begegnet

Anweisungen, die dich auf dem tiefgründigen Pfad führen werden

von Khenpo Gangshar Wangpo

Mit der Hingabe des Selbstgewahrseins bringe ich Guru Vajradhara Ehrerbietung dar.

Die Führung für Schüler:innen, die das Glück haben, einen Wunsch nach der Praxis der tiefgründigen Geheimnisse des Vajrayana zu hegen, der Quintessenz der Höchsten Yogatantras, der Weisheit des mühelosen Atiyoga, besteht aus drei Teilen: 1) den vorbereitenden Stufen des Geistestrainings, 2) der Hauptpraxis, dem Yoga der Einleitung, und 3) den tiefgründigen abschließenden Anweisungen zur Aufrechterhaltung der Praxis, in welcher die Kernpunkte zusammengeführt werden.

I. Die vorbereitenden Stufen im Trainieren des Geistes

Diese bestehen aus zwei Teilen: 1) den gewöhnlichen Vorbereitungen und 2) den ungewöhnlichen Vorbereitungen, welche die einzigartigen Qualitäten dieses besonderen Pfades darstellen.

1. Die gewöhnlichen Vorbereitungen

  • Die Unterweisung über die vier Gedanken, die den Geist wenden, ist das Werkzeug zum Vorbeugen vor dem Greifen nach den Erscheinungen dieses Lebens.[1]
  • Die Zufluchtnahme kennzeichnet den Unterschied zwischen dem echten Pfad und einem unkorrekten.
  • Das Hervorbringen des Wunsches nach dem Erwachen (Bodhicitta) erhebt dich über mindere Pfade.
  • Die Vajrasattva-Meditation und -Rezitation reinigt widrige Umstände, wie zum Beispiel vergangene negative Handlungen und Verschleierungen, welche die Entwicklung von Bodhicitta – das Herz der Zufluchtnahme – behindern.
  • Das Mandalaopfer ist die Teildisziplin branch, die günstige Umstände durch die Anhäufung von Verdienst erschafft.
  • Das Guru-Yoga ist die Wurzel der Segnungen, das Werkzeug, womit außergewöhnliche Erfahrung und Verwirklichung rasch in deinem Wesen heraufdämmern können.

2. Die ungewöhnlichen Vorbereitungen, welche die einzigartigen Qualitäten dieses speziellen Pfades darstellen, die analytische Meditation eines Pandita

Es ist ein unfehlbares Prinzip, dass tugendhafte Handlungen zu Wohlergehen führen, während negative Handlungen Leiden zeitigen. Anfangs ist es daher von allergrößter Bedeutung, zu erkennen, was tugendhaft ist, und was negativ. Um dies zu tun, ist es unabdingbar, dass wir die drei Pforten von Körper, Rede und Geist identifizieren und feststellen, welche davon die wichtigste ist.

  • Der Körper ist materiell, die physische Stütze für positive und negative Handlungen.
  • Die Rede ist das, was sprachliche und verbale Kommunikation ermöglicht.
  • Und der Geist ist das, was über alles unter der Sonne nachdenkt.[2] Er ist in der Lage, viele verschiedene Stimmungen aufzuweisen, fröhlich und traurig, von einem Augenblick zum nächsten, und ist der Ausführende bezüglich Anhaftung und Aversion.

Nachdem du die drei Pforten identifiziert hast, frage dich, welche die wichtigste in der Ausführung von Handlungen ist, positiven wie negativen. Ist es der Körper, die Rede oder der Geist? Einige werden den Körper als die wichtigste erachten, einige die Rede, andere wiederum den Geist. Falls du denkst, dass entweder der Körper oder die Rede das Wichtigste sind, hast du das Thema noch nicht durchdrungen. Von den dreien ist der Geist das Signifikanteste, denn ohne sein Zutun wären physische Handlungen – positive wie negative – und verbale Kommunikation unmöglich. Der Geist ist das Beherrschende. Wie es heißt:

Der Geist übt die Herrschaft über alles aus, wie ein Monarch.
Der Körper ist lediglich sein Diener in guten und schlechten Taten.

Wie dies schon nahelegt, ist der Geist der Souverän, während der Körper und die Rede lediglich untergeordnet sind.

Überlege dir zum Beispiel, wenn du wegen eines Feindes aufgebracht bist: Was ist der hauptsächliche Ursprung deines Zorns? Ist es dein Geist oder der Feind? Und ganz ähnlich, wenn du Zuneigung zu einem geliebten Menschen empfindest: Ist der entscheidende Faktor dein Geist oder die Person? Du wirst entdecken, dass der Feind oder die geliebte Person vielleicht als Unterstützung dienen, aber die dazugehörige Emotion hat ihren Ursprung in deinem Geist. Daher ist der Geist der Hauptakteur.

Hast du Meisterschaft über deinen Geist erlangt, können äußere Bedingungen wie Feinde oder geliebte Menschen dir nicht länger etwas anhaben oder dir zum Nutzen gereichen. Ohne Kontrolle über deinen Geist wirst du jedoch, wo immer du auch sein magst, von Schwierigkeiten geplagt werden, verursacht durch das Hervorquellen von Anhaftung und Abneigung. So ist es unabdingbar, zu verstehen, dass der Geist die Ursache von allem Glück und Leid, von Gutem und Schlechtem, von Anhaftung und Abneigung ist. Wie der Große Allwissende[3] sagte:

Solange du unter der Einwirkung eines Stechapfels[4] stehst,
wirst du, was immer dir erscheint,
irrtümlich für etwas anderes halten, nicht anders als bei einer Halluzination.
Ähnlich musst du auch verstehen, dass, solange du unter dem Einfluß
von Verwirrung stehst, die Erscheinungen der sechs Klassen von Wesen alle fälschlich für etwas anderes gehalten werden, nicht anders als leere Formen, erscheinend und doch nicht-existent.[5]

Und:

Sie erscheinen dem Geist und werden von ihm benannt,
also strebe danach, den verwirrten Geist zu zähmen.[6]

Es verhält sich genau so, wie er es beschrieben hat, aber glaube nicht einfach, was du liest oder was andere dir erzählen. Erkenne für dich selbst, dass der Geist der Grund für alles ist und erkenne, dass die Erscheinungen Geist sind. Bei diesem Unterfangen muss jedoch die Unterscheidung zwischen Erscheinung und objektiver Erscheinung getroffen werden. Sonst verhält es sich so, wie der Große Allwissende geschrieben hat:

Die Unwissenden behaupten, alles sei Geist.
Sie sind völlig verunsichert über die drei Arten von Erscheinungen,
haben viele Fehler, sind verwirrt und absurd –
Gib so abartige Herangehensweisen auf![7]

Auf die bloße Erscheinung von Formen, Geräuschen und Ähnlichem –die Objekte des Sinnesbewusstseins – wird als objektive Erscheinung verwiesen. Die Anhaftung an etwas Angenehmes, die Abneigung gegen etwas Unangenehmes und die Verwirrung gegenüber allem anderen – das Trio konzepthafter Anhaftung, Abneigung und Verwirrung – sind einfach Erscheinungen. Es ist unabdingbar, zu verstehen, dass Erscheinungen das Spiel des Geistes sind, wohingegen objektive Erscheinungen wie das bloße Erscheinen von Formen, Geräuschen und Ähnlichem nur durch die Kraft des Geistes erscheinen. Sie sind jedoch nicht Geist; sie sind die gemeinsame Wahrnehmung von Wesen, wechselseitig abhängig und bar einer wahren Existenz.

Wo wohnt der Geist? Untersuche von den Haarspitzen auf deinem Kopf hinunter bis zum äußeren Rand deiner Zehennägel und zurück hinauf und ziehe auch die äußere Haut, die inneren Knochen und das Fleisch dazwischen in Betracht, ebenso die fünf vitalen[8] und sechs hohlen Organe.[9] Die meisten Chinesen sagen, der Geist sei im Kopf angesiedelt, während die meisten Tibeter sagen, er habe seinen Wohnsitz im Herzen. Das ist überhaupt nicht klar, denn wenn wir den Kopf berühren, scheint der Geist da oben zu sein, und wenn wir die Fußsohlen berühren, scheint er da unten zu sein! Er hat keinen bestimmten Standort. Er wohnt nicht in einem Objekt außerhalb des Körpers noch innerhalb des Körpers oder in einem Raum dazwischen. Es ist unbedingt erforderlich, zu begreifen, dass der Geist keinen fixen Standort hat.

Wenn der Geist einen solchen Standort hätte, wären dann seine äußeren, inneren und dazwischenliegenden Teile ident mit oder getrennt von dem verweilenden Geist? Wären sie ident, so müsste der Geist sich verformen, vergrößern und verkleinern genau so, wie die äußere Welt und der physische Körper dies tun, aber das ist nicht der Fall.

Anderseits, wenn sie völlig unterschiedlich wären, dann würde dieser separate Geist tatsächlich existieren. Wenn er existierte, müsste er eine Farbe und eine Form haben. Da er aber keine wahrnehmbare Farbe oder Form besitzt, ist er klarerweise nicht existent. Dennnoch – da dieser unentwegt-bewusste Souverän unaufhörlich da ist, kann er nicht gänzlich nicht-existent sein. Wie Karmapa Rangjung Dorje schrieb:

Er ist nicht existent, denn selbst die Buddhas haben ihn nicht gesehen;
Noch ist er nicht-existent, denn er ist die Basis für alles Samsara und Nirvana.
Dies ist kein Widerspruch; es ist der Mittlere Weg der Einheit.
Möge ich die Natur des Geistes erkennen, frei von einschränkenden Extremen.[10]

Dies beschließt die einzigartigen vorbereitenden Praktiken dieses Pfades, die analytische Meditation eines Pandita.

II. Die Hauptpraxis, das Yoga der Einführung

Der Hauptteil der Praxis, das Yoga der Einführung, umfasst die ruhende Meditation eines kusulu in zwei Teilen: 1) einer Anweisung zur Klärung der Natur von Körper, Rede und Geist sowie 2) einer Anweisung zur Unterscheidung zwischen gewöhnlichem Geist und Gewahrsein.

1. Anweisung zur Klärung der Natur von Körper, Rede und Geist

Sitze mit aufrechtem Körper. Sprich nicht, mach keine Geräusche. Deinen Mund halte leicht geöffnet, und erlaube deinem Atmen, zur Ruhe zu kommen. Verweile nicht in der Vergangenheit, noch male dir die Zukunft aus. Vertiefe dich ganz natürlich im gewöhnlichen Geist des unmittelbaren Augenblicks, ohne den Versuch, ihn zu verändern oder zu korrigieren. Verbleibe in diesem Zustand des Geistes-als-solchem, welcher in sich selbst und aus sich heraus nichts was auch immer Geartetes ist – klar, nackt, scharfsinnig und lebendig, völlig frei jeglicher bewußten Betrachtung oder Rückbesinnung und jeglichen Gedankens an Behagen oder Unbehagen: Das ist Gewahrsein.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es keinen Gedanken an objektive Formen, Geräusche und so weiter, die ‚dort drüben‘ existieren; vielmehr erscheint alles ohne Blockierung. Gleichermaßen gibt es keinen Gedanken an ein Subjekt mit den sechs Arten des Bewusstseins, die darin existieren würden. Hört dies jemals auf? Leuchtendes, nicht-konzepthaftes, nacktes Gewahrsein ist jenseites eines Aufhörens.

Während du diese Erfahrung machst, belasse deinen Körper natürlich locker und behaglich. Dies ist der Körper aller Siegreichen, die Essenz des Yoga der Aufbauphase.

Die Rede sollte natürlich und ungehemmt sein. Du solltest frei ausdrücken, was immer dir direkt in den Sinn kommt, ohne etwas zurück zu halten. Du wirst nicht in der Lage sein, die Wurzel der Geräusche zu finden, denn alle Geräusche sind jenseits eines Entstehens, hörbar und doch leer. Dies ist die Rede aller Siegreichen, die Essenz jeder Rezitation.

Ungeachtet dessen, was für Gedanken in deinem Geist auftauchen, seien sie gut oder schlecht, fröhlich oder traurig, verbleib im natürlichen Zustand und ungezwungen. Der Geist-als-solcher macht sich keinen Begriff von Glück oder Traurigkeit; er ist eine leuchtende Leerheit, nackt und lebendig. Für alle Wesen quer durch die drei Daseinsbereiche ist dies die Natur ihres Geistes: die transzendente Weisheit aller Buddhas durch die drei Zeiten hindurch, die Essenz der vierundachzigtausend Tore zum Dharma, und das Herz der obersten Führung, des glorreichen Guru.

Es ist die Vollkommenheit der Weisheit, wie sie im zweiten Drehen des Dharmarades gelehrt wurde; die Buddhanatur, gelehrt im endgültigen Drehen (des Rades); das Tantra des Grundes, das natürliche und spontan präsente Mandala gemäß der allgemeinen Darstellung des Mantrajana, und im höchsten Tantra findet es als Guhyasamaja, Cakrasamvara, Kalacakra und so weiter Erwähnung. Gemäß der dreifachen inneren Unterteilung des Tantra: Im Mahayoga ist es die Einheit der zwei Wahrheiten, der erhabene und große Dharmakaya; im Anuyoga wird es als die große Glückseligkeit eines Kindes bezeichnet, des Wurzelmandalas von Bodhicitta; im Atiyoga schließlich als die große Vollkommenheit von Gewahrsein und Leerheit. Diese Namen zeigen einfach auf dasselbe hin – die Natur des Geistes. Auch die Geluk-Tradition hält an diesem Punkt fest, wie der Große Meister (Tsongkhapa) schrieb:

Das Verständnis, dass sich Erscheinungen unfehlbar in Abhängigkeit erheben,
und das Verständnis, dass sie leer sind und sich aller Behauptungen entziehen –
so lange dir diese beiden als voneinander getrennt erscheinen,
wirst du die Weisheit des Buddha nicht verwirklichen können.

Wenn sie sich allerdings gleichzeitig erheben, nicht eines nach dem anderen sondern beide gemeinsam,
stellt sich durch die bloße Wahrnehmung des unfehlbaren abhängigen Entstehens
eine Gewissheit ein und jegliches falsches Verständnis kommt zum Erliegen –
in dem Moment erreicht das Unterscheidungsvermögen der Sicht seine Vollkommenheit.[11]

Der Herr des Dharma, Drakpa Gyaltsen, schrieb:

Ist Greifen vorhanden, hast du nicht die Sicht.[12]

Die Sakyapameister erachten ihre Sicht der Unteilbarkeit von Samsara und Nirvana als Freiheit von Ergreifen. Und unter den unvergleichlichen Kagyüpas hat der glorreiche Rangjung Dorje geschrieben:

Gemäß den Weisen ist alles weder wahr noch falsch
wie die Spiegelung des Mondes im Wasser.
Der gewöhnliche Geist selbst ist das Dharmadhatu,
welches die ‚Essenz der Siegreichen’ genannt wird.[13]

So ist auch die leuchtende Mahamudra frei von Ergreifen und Festhalten.

Über diesen Punkt heißt es, dass alle gelehrten und vollendeten Meister von Indien und Tibet eines Geistes sind. Es gibt niemanden in der Schule der Sakya, Geluk, Kagyü oder Nyingma, der nicht zustimmen würde, dass die erhabene Weisheit der Hauptpraxis jenseits des Ergreifens und Festhaltens liegt. Du musst diesen Punkt für dich selbst verstehen und ihn dementsprechend an andere kommunizieren.

Das war die Einführung in die Natur von Körper, Rede und Geist als erleuchteter Körper, erleuchtete Rede und erleuchteter Geist der Buddhas, was sich mit den Versen des großen Meisters aus Uddiyana deckt; sie beginnen mit:
„Verfahre so mit allem, was du siehst … „[14]

2. Unterweisung über die Unterscheidung zwischen gewöhnlichem Geist und Gewahrsein

Es ist unerlässlich, zwischen Geist und Gewahrsein zu unterscheiden. Der Große Allwissende schrieb:

Heutzutage behaupten die Ochsen, die sich für Anhänger:innen von Ati halten, dass diskursives Denken erwachter Geist seien. Solche Narren sind verloren im Reich der Finsternis, fernab der Bedeutung der Natürlichen Großen Vollkommenheit.[15]

Misslingt es dir, zwischen gewöhnlichem Geist und Gewahrsein zu unterscheiden, wirst du fehlerhafte Sichtweisen betreffend Ursache und Wirkung und so weiter entwickeln, während du gleichzeitig vom rechten Pfad abkommst, wo Verhalten und Sicht in Harmonie miteinander sind. Während wir in dem natürlich zur Ruhe gekommenen und unabgelenkten Zustand verweilen, ist das Gewahrsein ohne Fixiertheit wie der Himmel, und ungeachtet dessen, wie deine Umstände auch sein mögen, ob sie nun gut sind oder schlecht, gibt es nicht den geringsten Nutzen oder Schaden aus Hoffnung oder Furcht, Freude oder Trübsinn. Solltest du dich jedoch auch nur im Mindesten ablenken lassen, wenn du auf die oben erwähnten Bedingungen stößt, werden Gedanken auftauchen, dass du dir Glück wünschst und Traurigkeit vermeiden willst, und Wirkung (Karma) wird angehäuft werden – das ist der gewöhnliche Geist. Die Metapher von Wolken am Himmel wird uns hier hilfreich sein: Das Gewahrsein muss stabil wie ein vollkommen klarer Himmel sein, und die Aspekte des Geistes müssen sich zerstreuen lassen wie die Wolken am Himmel. Dadurch wirst du in die Lage versetzt, zwischen Gewahrsein und gewöhnlichem Geist zu unterscheiden.

III. Die tiefgreifenden abschließenden Anweisungen zur Aufrechterhaltung der Praxis, in denen die Kernpunkte zusammengeführt werden

Der dritte Abschnitt erläutert die tiefgründigen Anweisungen zur nachfolgenden Anwendung auf Basis der Schlüsselunterweisungen, welche direkt die natürliche Befreiung offenbaren.

Während du im natürlich zur Ruhe gekommenen, unabgelenkten Zustand verweilst, ist es unmöglich, Karma anzuhäufen, und so werden die Ströme künftigen Karmas durchtrennt. Du musst verstehen, dass, obwohl du nicht das Resultat von Karma erfahren kannst, das du nicht angehäuft hast, dies nicht bedeutet, dass du nicht die Auswirkungen von zuvor angehäuftem Karma erfahren wirst. Daher ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass du nicht in den Glauben verfällst, alles Karma, positives wie negatives, sei leer. Wenn nicht alles früher angehäufte Karma durch Einbekennen geläutert wird, ist das Reifen der karmischen Auswirkungen unvermeidbar; in anderen Worten: Es ist nach wie vor möglich, die Auswrkungen des Karma zu erfahren.

Die Auswikrungen deines Karma werden nur in deinem Körper oder Geist heranreifen, denn es ist schier unmöglich, dass sie anderswo heranreifen. So magst du krank werden, wenn sie in deinem Körper heranreifen oder leiden, wenn sie in deinem Geist heranreifen. Dies wiederum kann die sechs störenden Emotionen hervorrufen. In solchen Zeiten ist es unerlässlich, dass du die Anweisungen darüber anwendest, Krankheit, Kummer und störende Emotionen mit auf den spirituellen Pfad zu nehmen. Die Essenz dieser Unterweisungen besteht darin, in der natürlich zur Ruhe gekommenen Natur zu verweilen, und das alleine ist schon ausreichend.

Wenn du dem Glück nachhängst, das du verspürst, wenn du auf angenehme Umstände triffst, oder der Traurigkeit, die du verspürst, wenn du auf Schwierigkeiten stößt, wirst du immenses Karma anhäufen. Daher musst du ungeachtet der Umstände, auf die du triffst – gut oder schlecht – gleich anfangs die Gedanken von Entzücken oder Unbehagen erkennen, in dem Augenblick, in dem sie aufkommen. Hast du deine Gedanken erkannt, versuche nicht, sie zu unterdrücken oder ihnen nachzugeben; blicke anstattdessen in den Gedanken selbst hinein, den, der sich freudig oder traurig anfühlt. Komm natürlich zur Ruhe, und verharre innerhalb der Natur des Gedankens. Wenn du dich dann entspannst, in dem Geist-als-solchen, leer, leuchtend und nackt, unbelastet von Gedanken über Glücklichsein und Betrübnis, wird das angeborene Gewahrsein sich offenbaren.

Wirst du körperlich krank, falle nicht der Krankheit anheim; vielmehr komm natürlich zur Ruhe und verbleib innerhalb des Gefühls, dass du jetzt krank bist. Die Krankheit wird vielleicht nicht abklingen, aber du wirst direkt die nackte, angeborene Natur des Gewahrseins erkennen, frei von Gedanken in Bezug auf das, was wehtut, wo es wehtut, wie es wehtut, und so weiter. Gleichzeitig werden Schmerz und Krankheit an Intensität und Wichtigkeit abnehmen.

Außerdem bedeutet eine zerstörerische Emotion zu besitzen sie alle zu besitzen. Dennoch sind die Menschen verschieden: Einige haben vielleicht mehr Zorn, andere mehr Geiz, andere wiederum Verwirrung, Begierde, Eifersucht, Stolz und so weiter. Deshalb haben wir verschiedene Buddhafamilien.

  • Die zerstörerische Emotion von Zorn ist ein Gefühl des Unbehagens, das gegenüber Objekten entsteht, die sich unangenehm anfühlen, und führt zu Aufgewühltsein und Aggression.
  • Geiz ist die Unfähigkeit, anderen Dinge zu geben, die man selbst attraktiv findet, was auf Fixiertheit und Knausrigkeit zurückzuführen ist.
  • Verwirrung ist gleichzusetzen mit Finsternist und ist die Wurzel von allem Negativen. Sie ist eine fundamentale Verzerrung der Wirklichkeitund rührt vom Nichterkennen der eigenen Essenz her.
  • Begierde ist die Anziehungskraft und der Wunsch, angenehme Dinge, Anblicke und Klänge miteingeschlossen, zu besitzen. Fleischliche Lust im Speziellen ist die mächtigste Form begehrlicher Anhaftung.
  • Eifersucht ist eine Verweigerung, die zur Missbilligung der Qualitäten jener führt, die größeren oder denselben Status genießen.
  • Stolz bedeutet das Gefühl der Überlegenheit gegenüber jenen, die wir in spiritueller oder weltlicher Hinsicht als uns nicht ebenbürtig wahrnehmen.

Diese sechs störenden Emotionen sind der Grund für die sechs Arten von Wesen im Samsara. Überhand nehmender Zorn zum Beispiel führt zur Wiedergeburt in den Höllen, und so weiter. Es ist unerlässlich, diese Emotionen in dem Augenblick ihres Entstehens zu erkennen und, ohne sie zu unterdrücken oder ihnen anheim zu fallen, natürlich zur Ruhe zu kommen. Da du so innerhalb der Natur der Emotion verweilst, tritt natürliche Befreiung ein und bringt das, was wir die spiegelgleiche Weisheit nennen, mit sich, und all die übrigen. Es ist genau so, wie wir es in der Zweiten Schatzkammer von Ratna Lingpa vorfinden:

Die Essenz eines zornigen Geistes ist klares Gewahrsein,
leer und doch leuchtend im Augenblick des Erkennens.
Diese Natur wird die spiegelgleiche Weisheit genannt.
Holde Frauen, lasst uns innerhalb des natürlichen Zustands verweilen!

Die Essenz eines verwirrten Geistes ist leuchtendes, natürliches Gewahrsein,
hellwach in dem Augenblick, da du ihm ins Gesicht blickst.
Diese vitale Natur wird die Weisheit des Dharmadhatu genannt.
Holde Frauen, lasst uns innerhalb des natürlichen Zustands verweilen!

Die Essenz eines stolzen Geistes ist der Ausdruck von natürlichem Gewahrsein,
natürlich leer in dem Augenblick, da du ihn an seinem Platz belässt.
Dieser Zustand wird die Weisheit der Ebenmäßigkeit genannt.
Holde Frauen, lasst uns innerhalb des natürlichen Zustands verweilen!

Die Essenz eines begehrlichen Geistes ist lustvolles Anhaften,
doch aufrecht erhalten, ohne sich zu klammern, ist es leere Glückseligkeit.
Diese Natur wird die Weisheit der Unterscheidung genannt.
Holde Frauen, lasst uns innerhalb des natürlichen Zustands verweilen!

Die Essenz eines eifersüchtigen Geistes ist dualistisches Ergreifen,
doch wenn an seinem Platz belassen, ist er in nackter Weise frei.
Diese Natur wird die allumfassende Weisheit genannt.
Holde Frauen, lasst uns innerhalb des natürlichen Zustands verweilen![16]

Solltest du zerstörerische Emotionen als makelbehaftet betrachten und sie abzulehnen suchen, mag dir wohl ihre zeitweilige Unterdrückung gelingen. Da du sie jedoch nicht an der Wurzel abgeschnitten hast, werden ihre toxischen Überreste wieder auftauchen, wie dies bei den Praktizierenden weltlicher Konzentration der Fall ist (dhyana).

Wenn du meditierst und die zerstörerischen Emotionen als leer ansiehst, wird dein Pfad nicht einer sein, der die zerstörerischen Emotionen als den Pfad nimmt. Er wird die Leerheit als den Pfad nehmen und somit nicht den kurzen Pfad, der ein einzigartiges Merkmal des Mantrayana ist.

Würde man die zerstörerischen Emotionen so behandeln, als besäßen sie immanente Eigenschaften und würde sich an sie hängen, wäre dies gleichbedeutend mit dem Verzehr einer giftigen Pflanze; wie die Begattung gewöhnlicher Menschen ist dies eine Ursache dafür, ans Samsara gebunden zu sein.

Aus diesem Grund: Wie wenn aus einer Giftpflanze das Gift extrahiert wurde und diese nun als Medizin verwendet werden kann, ist auch hier der Zugang nicht, die zerstörerischen Emotionen als etwas Mangelhaftes zu betrachten und sie zu unterdrücken, oder aber zu glauben, sie hätten Qualitäten und ihnen anzuhängen, sondern einfach zu entspannen und sich in die Natur von Was-immer-entstehen-mag zu begeben, sodass diese sich an Ort und Stelle als Weisheit offenbaren. Dies ist das einzigartige Merkmal dieser Unterweisung.

Solltest du darüber hinaus eine direkte Führung in Bezug auf den Weg der Mittel und so weiter wünschen, ist dies im Detail durch mündliche Unterweisungen von deinem Guru in Erfahrung zu bringen.

Den Bardo als Pfad nehmen

Wenn du mit den Fingern einen leichten Druck auf Augen und Ohren ausübst, werden sich ganz natürlich Farben und Geräusche manifestieren. Verweilst du für längere Zeit auf natürliche Weise und gewöhnst dich an diese leeren Formen, die äußerlich nicht existieren, auch nicht innerlich oder irgendwo dazwischen, dann wirst du, wenn es schließlich ans Sterben geht – denn die Erscheinungen des Bardo sind nichts anderes als diese natürlichen Selbst-Manifestationen – sie als solche erkennen und Befreiung erlangen, so wie man einen Bekannten von früher erkennt oder wie ein Kind, das in den Schoß seiner Mutter eilt.

Die Schlüsselunterweisungen betreffend die Erscheinungen von spontaner Gegenwärtigkeit, Tögal, werden in die Praktiken auszuführen während des Tages und die Praktiken auszuführen bei Dunkelheit eingeteilt. Die Unterweisung deckt sich mit der Unterweisung zur Praxis in Finsternis. Es gibt auch Unterweisungen, wie man die Strahlen der auf- oder untergehenden Sonne bei Tag oder das Mondlicht und elektrisches Licht in der Nacht dazu nutzen kann.

Den Schlaf als den Pfad nehmen

Es gibt keine Notwendigkeit, Anstrengungen zu unternehmen, um spezifische Traumerscheinungen zu transformieren oder zu projizieren. Schlafe in einem Zustand, der unabgelenkt und natürlich zur Ruhe gekommen ist. Wenn du Perioden tiefen Schlafes ohne das Auftauchen von Träumen hast und die Klarheit des natürlichen Zustands des Geistes beim Erwachen aufrecht erhalten werden kann, nennt man dies das natürliche Leuchten des Schlafes.

Es kann auch Zeiten geben, da du nicht schläfst, sondern einfach ruhig und still verharrst. Bei anderer Gelegenheit schläfst du vielleicht ein und hast vage Träume, die du beim Aufwachen nicht erinnern kannst; dies kennzeichnet den Beginn der Klärung deiner Träume. Für jemand von großer Fähigkeit und großem Fleiß kommen [gewöhnliche] Träume an ihr Ende, indem man sie vergisst; für jemand von mittlerer Eignung kommen sie durch Erkennen an ihr Ende; schließlich für jemand mit den niedrigsten Fähigkeiten kommen sie an ihr Ende, indem sie durch gute Träume ersetzt werden. All die Sutren, Tantras und Sastras kommen zu dem Schluss, dass letztendlich die Träume geläutert werden müssen.

Die Stufen des Phowa, der Übertragung des Bewusstseins, sollten von anderen Quellen erlernt werden.

Die obigen Unterweisungen fassen lediglich die Hauptpunkte der Praxis zusammen.

Ich habe lediglich das bloße Wesentliche aus den tiefgründigen Unterweisungen,
entstammend der profunden Weisheit der Siegreichen und ihrer Kinder, exzerpiert,
die zentrale Führung durch die tiefgründigen Punkte der neuen und alten Tantras,
und alles knapp in ein paar Worten zusammengestellt.

Wenn Bezwingung mit Mitteln, die Anstrengung verlangen, sich als schwierig erweist,
werden die Lehren auf der Basis eines mühelosen Geistes auftauchen, heißt es.
Da diese Zeit für uns nun gekommen ist, beinhalten diese Punkte, wenn du dich mit ihnen beschäftigst,
einen Dharma, der ohne Makel und leicht zu praktizieren ist.

Da ich etliche Gründe für solch eine Zusammenstellung gesehen habe
und bedrängt durch etliche vortreffliche Individuen,
habe ich poetische und blumige Redensarten hintangestellt,
um dies unbefangen in einem simplen, angenehmen Stil niederzuschreiben.

Möge durch dieses Verdienst die schiere Unendlichlkeit an fühlenden Wesen siegreich sein über den widerlichen Atem der kriegerischen Titanen,[17]
Und möge die strahlende Sonne von tiefgründiger, essentieller Bedeutung den Anbruch eines neuen Goldenen Zeitalters der Vervollkommnung einläuten!

Sarvadā kalyāṇaṁ bhavatu! (Möge alles glückverheißend sein!)


| © Shechen Translations, 2022. Übersetzt von Shechen Gelong Tenzin Yeshe Jamchen (Sean Price) basierend auf Erläuterungen und Klarstellungen von Kyabje Khenchen Thrangu Rinpoche, Radha Chime Tulku Rinpoche, Kyabje Shechen Rabjam Rinpoche, Thrangu Khenpo Karma Gedun, Shechen Khenpo Yeshe Gyaltsen und vielen Weiteren. Gewidmet Radha Chime Rinpoche, einem Schüler von Khenpo Gangshar, und Rinchen Dolma, die dem Pfad verpflichtet ist, den Khenpo Gangshar aufgezeigt hat. Deutsche Übersetzung Angelika Peaston, 2026.


Bibliografie

Tibetische Edition

gang shar dbang po. "zab lam khrid kyi man ngag 'phrad tshad rang grol" in gsung 'bum/_gang shar dbang po. 1 vol. Kathmandu: Thrangu Tashi Choling, 2008 (BDRC W2CZ6597). Vol. 1: 109–135

Sekundäre Quellen

Khenchen Thrangu, Vivid Awareness: The Mind Instructions of Khenpo Gangshar, with commentary by Khenchen Thrangu Rinpoche. Boston, MA: Shambhala Publications, 2011.


Version: 1.0–20260528

Anmerkungen

  1. Diese Zeile findet sich in manchen Editionen des Textes nicht wieder.  ↩

  2. Wörtlich: Das, was das Undenkbare neun Mal denkt.  ↩

  3. Longchen Rabjam, Drime Özer  ↩

  4. Skt. dhattūra. Stechapfelle, ein Halluzinogen.  ↩

  5. Aus dem Wurzeltext zu The Wish-Fulfilling Treasury (yid bzhin mdzod), Kapitel eins.  ↩

  6. Aus dem Wurzeltext zu The Wish-Fulfilling Treasury (yid bzhin mdzod), Kapitel eins.  ↩

  7. Aus dem Wurzeltext zu The Wish-Fulfilling Treasury (yid bzhin mdzod), Kapitel eins.  ↩

  8. don lnga: Herz, Leber, Niere, Milz und Lunge.  ↩

  9. snod drug: Dick- und Dünndarm, Magen, Grimmdarm, Blase und Gallenblase.  ↩

  10. Aus Karmapa Rangjung Dorje, Aspiration of the Mahāmudrā of Definitive Meaning, Vers 11  ↩

  11. Aus Drei grundlegende Aspekte des Pfades. Manche Editionen des Tetes von Khenpo Gangshar lassen die letzte Zeile weg.  ↩

  12. Aus Befreiung von den vier Anhaftungen  ↩

  13. Aus Karmapa Rangjung Dorje, The Treatise Called Revealing the Essence of the Tathāgatas (de bzhin gshegs pa’i snying po bstan pa zhes bya ba’i bstan bcos).  ↩

  14. Aus Das Gebet in sieben Kapiteln (Le’u Dünma), Viertes Kapitel, das von Namkhé Nyingpo erbeten wurde.  ↩

  15. Aus The Precious Treasury of the Dharmadhātu (chos dbyings rin po che’i mdzod).  ↩

  16. Beachten Sie, dass dieser letzte Vers in manchen Editionen des Textes nicht enthalten ist.  ↩

  17. Dies bezieht sich auf die Galle, wie sie von jenen ausgespuckt wird, die, während sie in ihrer eigenen Aggression und Paranoia schwelgen, sprechen und Anordnungen geben, die Zerstörung, Pein und Angst über alle anderen hereinbrechen lassen.  ↩

Khenpo Gangshar

Khenpo Gangshar

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