Ratschlag an mich selbst

Ratschläge | Tibetische MeisterJamyang Khyentse Chökyi Lodrö

English | Deutsch | Français | 中文 | བོད་ཡིག

Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö

Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö

Weitere Informationen:
Diesen Text herunterladen:

Ratschlag an mich selbst

von Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö

Kyeho! Welch Erstaunen!

Allein deinen Namen zu hören durchbricht den Kreislauf der bedingten Existenz;
allein der Gedanke an dich bringt das größte Glück herbei;
meine einzige, immerwährende Zuflucht, glorreicher höchster Lama:
Mögen wir unzertrennlich bleiben, während du freudvoll in der Blüte meines Herzens verweilst!

Höre zu, Lodrö, der du so klug und vernünftig bist!

Im Moment würdest du dich vielleicht als jung bezeichnen,
doch mit einem ruchlosen Geist, der sich um dein eigenes Wohlergehen sorgt,
wird das helle Licht deines Lebens bald den Schatten weichen.

Obwohl du vielen authentischen Meistern begegnet bist
und manche Belehrung über Sūtra und Tantra erhalten hast,
ist dein Charakter hart und unbeugsam wie ein Stein geblieben,
und doch glaubst du, du würdest dich zum Besseren wandeln – wie blind du wohl sein musst!

Während du dir der Schranken der drei Gelübde wohl bewusst bist,
eiferst du mit selbstzerstörerischen, widersinnigen Gedanken und Taten danach,
die Leiden der Höllen herbeizuführen!

Leichtsinniger! Lege deine Hand auf’s Herz und denke nach:
Die Zukunftspläne, die auf der Verleugnung des Todes beruhen,
untergraben den wahren Zweck dieses und zukünftiger Leben,
und der Feind, Yama, wird dich nur in seiner Schlinge fangen – denke gut darüber nach!

Bist du gefangen im Übergang aus diesem Leben,
werden Schmerz und Trauer unerträglich sein,
und Tränen werden dir endlos über die Wangen strömen –
machst du dir das bewusst, wird dein Herz gewiss stocken.

Jetzt, mit diesen Freiheiten und Vorteilen, hast du eine Unterstützung für die Praxis - eine einzigartige Chance!
Statt einen so unschätzbaren Moment zu vergeuden,
warum nicht danach streben, das Ziel dauerhaften Glücks zu erreichen? Denke darüber nach!

Die Blüte eines schönen, jugendlichen Körpers welkt mit dem Alter.
Wenn auch unerwünscht, wirst du den Schmerz der Krankheit erleben,
und mit einem letzten krächzenden Husten wirst du dahinscheiden.
Selbst jetzt rückt die Zeit dafür immer näher.
Sohn, Lodrö, denke gut darüber nach!

Die glühenden Eisenkugeln unverdienter Opfergaben
werden die Lebenskraft der Befreiung durchtrennen - denke darüber nach!
Wenn geschmolzene Bronze durch deine Kehle rinnt,
wirst du den Geschmack genießen? Denke jetzt darüber nach!

Obwohl es dir an Reife fehlt, gibst du vor, für das Wohl anderer zu arbeiten,
gleich einem Blinden, der Blinde führt.
Warum hörst du nicht einfach auf, dir selbst und allen anderen etwas vorzugaukeln?

Die Erinnerung an deinen Vater, König aller Praktiken, genügt.
Mit tiefer Hingabe zum edlen Lama zu beten
wird all deine Sorgen in Dharma verwandeln, mein Sohn...
Oh Lama, mein einziger Vater, führe mich auf dem Pfad!

Kostbarer Lehrer, der du Weisheiten und Kāyas besitzt,
dich jetzt zu erblicken, würde mir solch Freude bereiten!
Doch mit meiner unreinen Wahrnehmung und meinem schlechten Karma
besteht keine Chance, dir zu begegnen, lieber Lama-Vater!

Wenn dieser dein Sohn seine Wahrnehmung gereinigt hat,
wird er den Lama des unveränderten Rigpa-Gewahrseins entdecken,
und nach dieser Erfahrung wird es keine Trennung mehr geben –
welch Freude, wenn man sich das vor Augen führt! Welche Glückseligkeit!

Oh Lama, Heiler der Schwächen und Leiden deines Sohnes, verbleibe!

Wieviel Zeit mir auch noch in diesem Leben bleibt,
möge es aus tiefstem Herzen dem Dharma gewidmet sein,
und möge alles, was ich tun, sagen oder denken mag,
nur auf das Wohl der Wesen ausgerichtet sein,
niemals verfangen in selbstsüchtigen Wünschen!

Möge ich mich auf den Weg der Befreiung begeben,
und möge ich, auf dem Rücken des Rosses des Bodhicitta,
alle Wesen zum Glück geleiten!

Chökyi Lodrö machte dieses Wunschgebet in Chötri Thang, vor dem Berg Senge Yangbe, in der Ebene von Burdom in Lhogyü.

| Englische Übersetzung Gyurme Avertin, 2011. Deutsche Übersetzung Karin Behrendt, Dezember 2020.